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Kapitel XVI.
Boileau’s Urteile über Moliere.
§ 180. Für 0. gab es in Frankreich nur einen großen
Lustspieldichter, und dieser eine war Moliere. Moliere war für
ß. nicht nur der größte Lustspieldichter, sondern einer der
größten Dichter überhaupt. B. hat sich nicht gescheut, selbst
Ludwig XIV. und seinem Hofe gegenüber für diese Meinung
einzutreten, obwohl er wußte, wie angefeindet M. von vielen
heimlich und öffentlich zu Zeiten dort wurde. Diese aufrichtige
Hochschätzung, welche er seinem Freunde zollte, muß also
in fester Überzeugung begründet gewesen sein. Louis Racine *)
berichtet: »II regarda toujours Moliere comme un genie uni-
que: et le roi lui demandant un jour, quel etait le plus rare
des grands ecrivains qui avaient honore la France pendant
son regne; il lui nomma Moliere.« 2 ) Ein enges Freundschafts
verhältnis verband B. mit dem größten Lustspieldichter Frank
reichs. Eine gewisse geheimnisvolle Sympathie und das Ge
fühl, daß das Lebenswerk des einen das des andern im litte-
rarischen Kampfe gegen Preziösentum und Unnatur unter
stützen sollte , ließ diese beiden Männer, deren poetisches
Glaubensbekenntnis 8 ) freilich im Einzelnen durchaus nicht
immer übereinstimmte, zum Heile der Litteratur Frankreichs
sich zusaminenfinden. 3a )
§ 181. Diesem Bundesgenossen im litterarischen Kampfe
hat B. in der X. Satire, V. 438-440 ein Denkmal gesetzt.
»C’est une preeieuse
Reste de ces esprits jadis si renommes
Que d’un coup de son art Moliere a diffames.«
Dem Freund hat er in seiner 7. Epitre einen Nachruf ge
widmet, der zu den schönsten poetischen Leistungen gehört,
die aus B.’s Feder geflossen sind. B. redet hier mit einer
Herzlichkeit, die wir nicht an ihm gewohnt sind. 4 ) An den
Gedanken anknüpfend, daß es das Schicksal aller wahrhaft
großen Männer sei, in ihrer Bedeutung erst nach ihrem Tode
erkannt zu werden, sagt B. hier:
»Mais, sitöt que d’un trait de ses fatales mains
La Parque l’eut raye du nombre des humains,
On reconnut le prix de sa muse eclipsee,
L’aimable comedie avec lui terrassee,
io

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