Full text: Die Urteile Boileaus über die Dichter seiner Zeit

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lieh günstiger, aber auch sie sind keineswegs uneingeschränk 
ten Lobes voll. 
§ 166. Bevor ich an ihre Betrachtung gehe, muß ich 
zuvor über B.’s Stellung zur Oper überhaupt einige Worte 
sagen. B. war kein Freund der Oper. Die Frage nach dem 
Grunde dieser Tatsache hat uns zunächst zu beschäftigen. 
B. ist keineswegs unmusikalisch gewesen. Sonst hätte er wohl 
kaum bedauert, daß aus dem modernen Drama im Unterschied 
vom antiken die Musik und der Gesang gänzlich verbannt 1 ) 
worden war. 
Was B. aber am Herzen lag, war mehr die Dichtkunst 
als die Musik, für die er im ganzen doch nur ein sekundäres 
Interesse hatte. Nach seiner Überzeugung mußte die Dicht 
kunst in Verbindung mit der Musik benachteiligt werden. 
Fs pflegt nicht allgemein bekannt zu sein und es wird über» 
raschen zu vernehmen, daß B. selbst zusammen mit Racine 
an einem Operntext 2 ) gearbeitet hat. Aus dem Avertissement 
au Lecteur, das außer dem Prolog von der Oper fertig ge 
worden und noch erhalten ist, können wir uns eine Vorstellung 
machen von der Anschauung, die B. über die Dichtkunst in 
ihrem Verhältnis zur Musik hatte. 3 ) Wir lesen dort folgendes: 
»Mine de Montespan et Mine de Thianges, sa sceur, lasses 
des opera de M. Quinault, proposerent au roi d’en faire faire 
un par M. Racine, qui s’engagea assez legerement ä leur 
donner cette satisfaction, ne songeant pas dans ce moment-lä 
ä une chose, dont il etait plusieurs fois convenu avec moi, 
qu’on ne peut jamais faire un bon opera, parce que la musi- 
que ne saurait narrer; que les passions n’y peuvent etre 
peintes dans toute l’etendue qu’elles dcmandent; que d’ailleurs 
eile ne saurait souvent mettre en chant les expressions vrai- 
ment sublimes et courageuses.« 
Einen guten Operntext verfassen zu wollen, schloß also 
überhaupt nach B. einen Widerspruch in sich ein, weil die 
Grundelemente der beiden Künste, der Musik und der Dich 
tung dabei mit einander in Widerspruch gerieten und sich 
gegenseitig im Ausdruck ihrer Vollendung 4 ) behinderten. Ähn 
lichen Gedanken hat B. in seinem Prolog 5 ) zur Oper, einem 
Zwiegespräch zwischen der personifizierten Musik und Dichtung
	        

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