Full text: Die Urteile Boileaus über die Dichter seiner Zeit

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§ 147. Nur ein einziges Mal lobte B. auch einige Verse 
Th. Corneille’s, die sich im Bellerophon befinden. Bolseana 
(S. 459): »Je n’ai vu, dit-il, que dans Bellerophon quelques 
traits qui marquent un peu de passion: 
»L’amour trop heureux s’affaiblit, 
Mais l’amour malheureux s’augmente.« 
Encore, dit-il, C. ne se soutient pas longtemps sur ce ton-lä 
il serait Irop honteux de tourner casaque ä Quinault: 
»Pourquoi n’avoir pas le coeur tendre? 
Rien n’est si doux que d’aimer. 
Peut-on si longtemps s’en defendre? 
Non, non; l'amour doit tout charmer.« 
»Ne le voilä-t-il pas revenu au meme langage?« B. rügt hier 
Th. C.’s Sucht, sich immer nach dem herrschenden Geschmack 
zu richten, ohne eigne Prineipien, bald in der Weise seines 
Bruders, bald nach Racine’s, bald nach Quinault’s Vorbild 
zu dichten. 
Aber auch den Ruhm der wenigen nach seiner Meinung 
guten Verse gönnte B. ihm nicht; denn es heißt ebendort: 
»Tout ce qui s’est trouve de passable dans Bellerophon, c’est 
ä moi qu’on le doit.« Zur Erklärung dieser Worte sei kurz 
angeführt, daß Th. C. sich in bezug auf dieses Drama 
an B. um Ratschläge gewandt hatte. B. versagte ihm seine 
Unterstützung auch' nicht. Da diese Anekdote aber nach Saint- 
Marc in einem Brief M. de Fontenelle’s feierlich dementiert 
worden sein soll, ist sie wohl mit Vorsicht aufzunehmen. 
§148. Über Claude Boyer 7 ) hat B. nicht minder 
abfällig geurteilt. Im Art poet. IV, V. 34 lesen wir: 
»Boyer est ä Pinchene 8 ) egal pour le lecteur.« 
B. verglich Boyer hier mit einem der seichtesten Vers- 
macher jener Zeit, der so wenig Verstand besessen haben 
soll, daß er B.’s Angriffe auf sich selbst nicht einmal richtig 
auffaßtey Desgleichen war der Angriff, den B. in einem Epi 
gramm an Boyer und Chapelle richtete. Epigr. XXX. 
Contre Boyer et La Chapelle. 
J’approuve que chez vous, messieurs, on examine 
Qui du pompeux Corneille ou du tendre Racine 
Excita dans Paris plus d’applaudissemens:
	        

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