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§ 137. Die Iphigenie war eins der Dramen Racine’s,
das gleich bei seiner ersten Aufführung und in den folgenden
Jahren einen Beifall errang, der jede abfällige Kritik ver
stummen ließ. 3S ) B. hob diesen Erfolg noch einige Jahre
später in seiner 7. Epitre V. 1—6 hervor.
»Que tu sais bien, Racine, ä l’aide d’un acleur,
Emouvoir, etonner, ravir un spectateur!
Jamais Iphigönie en Aulide immolee,
N’a eoüte tant de pleurs ä la Gröee assemblee,
Que dans l’heureux spectacle ä nos yeux etalö,
En a fait sous son nom verser la Champmesle.«
B. ließ hier durchblicken, daß auch das vorzügliche
Spiel der Schauspielerin Champmesle, der Geliebten Racine’s,
mit zu dem schönen Erfolge beitrug.
§ 138. In den vielbewunderten Versen der 7. Epitre, 34 )
die B. kurze Zeit nach dem Mißerfolg der Phedre an den
entmutigten Racine richtete, um ihn zu trösten, hat B. den
freundschaftlichen Gefühlen, welche er für Racine empfand,
sich ein dauerndes Denkmal gesetzt. Eine feindliche Kabale hatte
der Dichtung eine mehr als kalte Aufnahme bereitet. 34 ») Racine
wollte deshalb der Bühnendichtung für immer entsagen. Von
diesem Vorhaben nun suchte B. Racine abzuhalten, indem er
ihn mit dem Schicksal Moliere’s tröstete. 35 ) (Epitre VII,
V. 7—18 und ibid. V. 71—84.)
An letzterer Stelle riet B. Racine, den Angriffen mit
mehr Gleichgültigkeit gegenüber zu treten. — Aber wie rück
haltslos B. auch seines Freundes Größe anerkannte, es war
umsonst. 36 )
Wenn die öffentliche Meinung sich auch dauernd nicht
durch Intrigen künstlich beeinflussen ließ und Racine’s Phedre
bald Gegenstand allgemeiner Bewunderung wurde, so hatten
die Feinde und Neider B.’s doch bewirkt, ihm für die nächsten
12 Jahre jede dichterische Tätigkeit zu verleiden.
In bezug auf B.’s Urteil von dem Drama »Phedre»
selbst ist anzuführen, daß B. an der »pudeur infantine« 37 )
der Heldin, dieser edlen Gestalt, der das eigene Schuldbewußt
sein Grauen erregt und die in ihrer Reinheit auf die verderbte
Hofgesellschaft wie eine Predigt wirken mußte, besonders
Gefallen fand. 38 )

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