Full text: Die Urteile Boileaus über die Dichter seiner Zeit

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wunderung für Racine war auch Raum für eine große Ver 
ehrung Corneille’s in B.’s Brust. Daß er nicht zu ihm wie 
zu Racine, Lafontaine und Moliere in ein Verhältnis der per 
sönlichen Freundschaft trat, mag durch den großen Alters 
unterschied zu erklären sein, der die beiden trennte. 
Kapitel XII. 
Boileau’s Urteile über Racine. 
§ 124. Es ist bekannt, daß das Verhältnis Boileau’s zu 
Racine bis zu dem Tode des letzteren das denkbar beste 
war. Der uns erhaltene Briefwechsel der beiden aus einem 
Zeitraum von 11 Jahren beweist uns augenfällig, in wie nahem 
Verhältnis diese beiden Männer zueinander standen. Racine 
war ferner der Dichter, aus dessen Werken B. die Norm der 
Tragödie entnahm. »Les deux amis,« sagt Hemon, »Tun dans 
ses prefaces, l’autre dans son Art poötique parlent le me me 
langage. — II n’est pas une idee essentielle de B. qui ne se 
retrouve exprimee avec nettete et autorite dans les prefaces 
raciniennes.« *) 
§ 125. Bei einem so nahen persönlichen Verhältnis und 
einer derartigen Übereinstimmung der litterarischen Ansichten 
wird man eine Fülle lobender Urteile über Racine in B.’s 
Werken zu finden erwarten. Wenn dennoch ihre Anzahl viel 
leicht etwas geringer ist, als man annehmen sollte, so ist dies 
wohl darin begründet, daß B. bei seinen innigen persönlichen 
Beziehungen zu Racine etwaige Einwendungen nur im privaten 
Gespräch machte, dem Publikum aber, um den befreundeten 
und leicht empfindlichen Dichter nicht zu kränken, verschwieg. 
Daher bat B. in seinen Werken im wesentlichen nur aner 
kennende Urteile ausgesprochen. B. hielt es für seine Pflicht, 
die dichterische Schaffenslust nicht durch öffentliche Kritik 
nieder^ydrücken. und empfand, daß es ein größeres Verdienst 
sei, den von so vielen Neidern angegriffenen und häufig ent 
mutigten Racine gegenüber der Öffentlichkeit in Schutz zu 
nehmen, als dem an seinem dichterischen Vermögen oft 
Zweifelnden durch irgend eine kleine Kritik noch weiter zu 
kränken.
	        

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