Full text: Die Urteile Boileaus über die Dichter seiner Zeit

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patriotisme, dans le Cid ou dans le Nicomede.« Doch könnte 
es scheinen, daß auch B. durch Beeinflussung Racine’s zu 
einer etwas einseitigen Auffassung von der dramatischen 
Darstellung der Liebe gelangt sei. Diese Annahme legte eine 
Stelle im Bolaeana (S 479) nahe, wo B sich über Corneille 
wie folgt äußerte »L’amour qu'il regardait comrne une passion 
frivole, n’entrait guere que par surprise dans la plupart de 
ses tragedies. II semblait dedaigner la tendresse, de peur 
qu’elle n’avilit son style accontume au plus eclatant sublime.« 17 ) 
Hier äußerte B. also, daß Corneille es verschmäht habe, die 
Liebe als »tendresse« zum Ausdruck zu bringen. Daß ihm 
aber dramatische Helden, als »bergers doucereux« dargestellt, 
zuwider waren, hatte er Art poet. III, V. 98 ausgesprochen. 
An anderer Stelle hatte er getadelt, daß Corneille dieses Ge 
fühl als »vertu« auffasse. Dieser anscheinende Widerspruch 
im Tadel B.’s löst sich aber einfach dadurch, daß man an 
nimmt, B. sei sowohl mit der Auffassung der Liebe als »vertu« 
als auch mit der sentimentalen Auffassung, wie sie ein Quinault 
vertrat und wie sie die späteren Dramen Corneille’s zeigen, 
nicht einverstanden gewesen. 18 ) 
§ 107. Die Folge dieser Auffassungen Corneille’s war, 
daß dadurch die Charaktere der Männer und Frauen in seinen 
Dramen stark beeinflußt wurden und vielfach einen etwas 
unnatürlichen Charakter annahmen, ja, daß mehrere seiner 
größten dramatischen Gestalten eine bedenkliche Ähnlichkeit 
mit den Romanhelden der Mlle de Scudöry bekamen, was 
B. in seinen Urteilen über Corneille leider nicht zum Aus 
druck gebracht hat. 19 ) 
Den ebenfalls aus der eigenartigen Grundanschauung 
Corneille’s hervorgehenden »caractere de raideur« 20 ) vieler 
seiner dramatischen Personen scheint B. indessen wohl, wenn 
vielleicht auch nur dunkel und verworren, empfunden zu 
haben. In der 3. Satire läßt er einen unwissenden »campag- 
nards« sagen: 
»A mon gre, le Corneille est joli quelquefois.« 
Da das Epitheton »joli« ja ironisch gemeint ist, darf man 
hieraus wohl obigen Schluß ziehen. 
§ 108. Wenden wir uns jetzt von den allgemeinen Ur 
teilen B.’s zu den besonderen über die einzelnen Dramen
	        

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