Full text: Zur Frage des myxödematösen Irreseins

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fest, Sprache langsam und schwerfällig, wie Patientin selber richtig sagt, 
„lallend“. Keine sprachliche Ataxie, starker Romberg. Patientin ist orientiert 
und hat relatives Krankheitsgefühl. Halluzinationen. (Gerumpel im Kopf, Ge 
murmel unter ihrem Bett, hört sich Hexe schimpfen und Hure). Sensationen. 
(Einknicken im Kreuz, die Bettstelle schaukelt.) Gang schwankend und unsicher. 
Meint selbst, sie sei „düsig“ im Kopf. Rechnet schlecht. 
Im weiteren Verlaufe traten die Halluzinationen allmählich in den Hinter 
grund, während ein apathisches, gleichgültiges Verhalten sich mehr und mehr 
geltend machte. Eintrag vom 30. X. „Liegt regungslos im Bett, wunsch- 
und interesselos.“ Zwischendurch, namentlich wenn sie in ihrem Hinbrüten 
gestört wurde, erregt, schlug einmal, als sie zum Aufstehen gezwungen wurde, 
unter obscönem Schimpfen eine Fensterscheibe ein. 27. XII. „Ist mit Mühe 
dazu zu bewegen, wenige Stunden des Tages aufzustehen. Selbst bei schönem 
Wetter weigert sie sich, im Garten spazieren zu gehen; mürrisch bleibt sie 
angezogen im Schlafsaal zurück.“ Anfang März 1901 wurde sie auf Wunsch 
des Mannes beurlaubt und von ihm Ende August 1901 wiedergebracht. Sie 
hatte sich anfangs ganz ordentlich um den Haushalt bekümmert, wurde dann 
aber allmählich mürrisch, erregt und aggressiv. In der Anstalt zeigte sie sich 
ziemlich apathisch und machte einen recht schwachsinnigen Eindruck. Be 
schäftigte sich zunächst etwas mit Kartoffelschälen, zeigte aber bald keine 
Neigung mehr zur Arbeit und fiel ganz in ihr früheres stumpfes Verhalten 
zurück. Sie saß teilnahmslos in einer Ecke des Korridors, eingehüllt in ein 
dickes wollenes Tuch. So blieb der Zustand eine ganze Zeit lang, bis es Ende 
März 1902 auffiel, daß das Gesicht der Kranken noch mehr gedunsen erschien 
als früher. Im Urin fand sich kein Eiweiß. Eine eingehende Untersuchung 
ergab einen Befund, der das typische Bild des voll ausgebildeten Myxödems 
repräsentierte. Befund vom 28. März: „Die Haut, besonders des Gesichts, er 
scheint gedunsen, anämisch, blaßgelb. Starke Schwellung der Augenlider, sie 
hängen gleich Säcken über die Augen, die dadurch klein und schlitzförmig er 
scheinen. Schwellung des Halses (Doppelkinn) und des Nackens. An der Stelle 
der Schlüsselbeingruben polsterförmige Vorwölbungen. Geringere Schwellungen 
der Handrücken, Hände und Füße. Fingereindrücke bleiben nirgends als Dellen 
bestehen. Epidermis trocken, gespannt, schuppt stellenweise leicht. Haupthaar 
dünn, besonders über dem Scheitel stark gelichtet. Auf der Wangenschleimhaut 
sind die Zahneindrücke sichtbar. Zahnfleisch blutet leicht. Herztöne leise, rein, 
Puls regelmäßig, klein. Körpertemperatur subnormal 35,5°. Hämoglobin 
gehalt 50 °/ 0 . Keine Gesichtsfeldeinsehränkung. Schilddrüse nicht fühlbar. 
Patientin gibt ungern Auskunft, klagt über Schwere in den Füßen und über 
ständiges Kältegefühl. Halluzinationen werden negiert.“ — Es wurde sofort mit 
der Einleitung einer Thyreoidinkur begonnen, und schon nach wenigen Wochen 
zeigte sich eine auffallende Besserung, namentlich im körperlichen Befinden; im 
geistigen weniger, doch erschien Patientin bedeutend munterer als früher. Es 
waren anfangs zwei Tabletten gegeben worden, später vier. Nach mehrmonatigem 
Gebrauch derselben stellten sich Erscheinungen von Thyreoidismus ein, die sich 
in Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Erbrechen äußerten. Wir gaben dann 
Jodothyrintabletten, zweimal zwei, die keine Beschwerden verursachten. 
Am 19. Juli 1902 wurde Patientin beurlaubt. Unter diesem Datum ist 
eingetragen: „Die Schwellungen sind völlig geschwunden, die Haut ist glatt, 
die Gesichtsfarbe blühend, der Schädel ist mit Wollhaaren bedeckt an den 
Stellen, wo früher die Haare ausgefallen waren. Hämoglobin 90 °/ 0 . Temperatur 
1*
	        

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