Full text: Zur Frage des myxödematösen Irreseins

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Im Laufe der folgenden Jahre ist man dann, auch außerhalb Eng 
lands, dazu gelangt, eine bestimmte, sich in mehr oder weniger aus 
geprägter Weise hei jedem Myxödem mit Erkrankung der Psyche zeigende 
Form von Geisteskrankheit, das myxödematöse Irresein, aufzustellen. 
Aber die Anschauungen der Forscher über diesen Krankheitsbegriff 
gehen in manchen Dingen noch auseinander, so daß es nach der Meinung 
der Autoren, die über Myxödem und die dabei auftretende Psychose ge 
arbeitet haben, noch einer weiteren Klärung dieser Frage bedarf. 
Hierzu soll die vorliegende Arbeit einen Beitrag liefern. 
Ich gebe zunächst die Krankengeschichte meines Falles. 
Frau B., Arbeitersfrau, geb. den 5. Mai 1868 zu Großefehn bei Aurich, 
wurde am 14. September in die Irrenanstalt Friedrichsberg in Hamburg auf 
genommen. In ihrer Familie sind angeblich keine Geistes- und Nervenkrank 
heiten vorgekommen. Mutter lebt, Vater starb an „Wassersucht“, zwei Schwestern 
gesund, zwei gestorben an „Masern“ und „Wassersucht“. Früher stets gesund 
bis auf einen vor 14 Jahren überstandenen Gelenkrheumatismus. Zwei gesunde 
Kinder von 6 und 10 Jahren, keine Frühgeburten oder Aborte. Der Ehemann 
gibt an, seine Frau sei schon zirka 1 Jahr krank, habe öfters „Ohnmachtsanfälle“ 
gehabt, in denen sie umgefallen und nach kurzer Zeit wieder zu sich gekommen 
sei. Krämpfe habe sie dabei nicht gehabt. 
Vom 14. März bis zum 10. April 1900 war Frau B. in einem hiesigen 
Krankenhaus in Behandlung. Nach der dort geführten Krankengeschichte klagte 
sie bei der Aufnahme über Brennen im Kopf und „furchtbares Nachdenken, 
wenn sie etwas will“. Seit Oktober 1899 seien ihre Augenlider und Füße 
zeitweilig so dick. Im Status ist notiert: „Gut genährte, aber blasse Frau, 
älter aussehend, als sie ist. Das Gesicht erscheint leicht gedunsen, die oberen 
Augenlider sind mäßig geschwollen. Sonst kein auffallender Befund. Appetit 
leidlich, Schlaf schlecht. Reflexe normal. Macht den Eindruck einer schweren 
Neurasthenie.“ Sie wurde mit Eisen, Baldrian und kalten Abreibungen be 
handelt und gebessert entlassen. Am 11. September desselben Jahres wurde 
sie wieder ins Krankenhaus aufgenommen mit Schmerzen im Unterleib und dem 
Gefühl, „als ob sie im Kreuz einknicke“. Vor 8 Tagen ließ sie den Arzt 
kommen, der sie wegen „Nervosität“ hereinsandte. Sie will gesehen haben, wie 
ihr Mann sich mit ihrem Jungen „gepufft“ hätte, und wie ihr Junge einen Sarg 
für sie und ihren Mann geschlagen hätte. Darüber war sie so traurig, daß sie 
sich das Leben nehmen wollte. Sie erzählt die unsinnigsten Dinge, nennt sich 
Hexe, hat Gesichts- und Gehörshalluzinationen, sieht Bilder an der Wand, hört 
beschimpfende Stimmen" behauptet, nicht gehen zu können. Kein pathologischer 
Organbefund. Hämoglobingehalt 60 °/ 0 - Nach Aussage des Mannes hat sich 
ihr Befinden sehr verschlechtert, sie sei meist traurig gewesen, habe viel ge 
weint, schwere Träume gehabt, oft nachts aufgeschrieen, sei vergeßlich geworden. 
Im Krankenhaus war sie unruhig, schrie nach ihrem Sohn, war kaum im Bett 
zu halten. Sie wurde deshalb am 14. September wegen „Bsychosis“ in die 
Irrenanstalt verlegt. 
Hier wurde folgender Befund (im Auszug) aufgenommen: Mittelgroße, 
kräftige Frau mit etwas gedunsenem Gesicht. Pupillen reagieren gut, rechte 
etwas in der Vertikalebene verzogen. Lebhaft gesteigerte Patellarreflexe. Zunge
	        

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