viele Monate hindurch ihren häuslichen Pflichten wieder nachgehen konnte
und vom Manne als gesund angesehen wurde. Wie von ärztlicher Seite fest
gestellt wurde, hatte sie ihre früheren Wahnideen korrigiert und besaß
gute Krankheitseinsicht; immerhin waren gewisse, oben näher geschilderte,
Defekte zurückgeblieben.
Nun ist es aber sehr merkwürdig, daß die späteren Kuren, die nötig
wurden, weil Frau B. die Tabletten nicht mehr eingenommen hatte, nur
ungenügende Erfolge zeitigten. Noch einmal konnte sie zwar, 1904,
5 Monate zu Hause sein, sie machte äußerlich, wie nach jeder genügend
langen Thyreoidinfütterung, völlig den Eindruck des Normalen, aber in
psychischer Hinsicht lag höchstens weitgehende Besserung vor. Eine be
stimmte Einwirkung des Thyreoidins auf die Psychose war allerdings
jedesmal unverkennbar, insofern nämlich die größten, greifbarsten Äuße
rungen der Geisteskrankheit verschwanden. Die geistige Stumpfheit ver
lor sich stets sehr bald, ebenso die Halluzinationen, auch jetzt sind die
Wahnideen einer Korrektion zugänglich. Selbst eine gewisse Krankheits
einsicht ist da. Aber man darf bei dem aufgeregten, redseligen Benehmen
der Kranken, bei den vielfachen Umdeutungen, denen sie unterlegen ist,
von einer Heilung, wenn auch mit Defekt, jetzt gewiß nicht mehr sprechen.
Wie man sich diese auffallende Tatsache der schließlichen relativen
Unwirksamkeit des Thyreoidins zu erklären hat, ist schwer zu sagen.
An der Medikation kann es nicht liegen, da Präparate der verschiedensten
Fabriken gegeben wurden; auch die Burroughs&Wellcome-Tabletten,
die das erstemal so gut halfen, sind später mehrfach erfolglos angewandt
worden. Ein Unterschied in der Wirkung der Drogen wurde übrigens
nicht bemerkt, sie wirkten alle gleich gut — und gleich schlecht. Man
muß wohl annehmen, daß die Stoffwechselgifte bereits zerstörend auf die
fein gebauten, einer Regeneration nur in gewissem Grade fähigen Gang
lienzellen gewirkt haben, während in den gröber gebauten Zellen des
Körpers eine Rückbildung der geschaffenen krankhaften Veränderungen
noch möglich war (Pilcz u. a.). Ein Analogon hierzu könnte man in der
Wirkungsweise vieler dem Körper von außen zugeführten Gifte, des Al
kohols, des Morphiums, des Ergotins u. a. sehen oder der Toxine gewisser
Bakterien, die ja unter Umständen ebenfalls irreparable Veränderungen
des Zentralnervensystems schaffen, wohingegen die körperlichen Schädi
gungen mit der Zeit ausgeglichen werden können.
Um nichts unversucht zu lassen, wurde meiner Kranken noch eine
besondere Diät verordnet, die Blum 1 bei Myxödem empfiehlt, nämlich die
fleischlose Milch-Pflanzenkost, Ich gehe gleich auf die Begründung dieses
Vorschlages näher ein. Frau B. wurde viele Wochen lang unter gleich-
1 Virchows Archiv. 1900. Bd. 162.

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