Full text: Zur Frage des myxödematösen Irreseins

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Dementia praecox-Formen. Pilcz zieht hier mit Glück den Vergleich mit 
den verschiedenen Zustandsbildern der progressiven Paralyse heran. Er 
sagt wörtlich (S. 89): „Wie es Paralytiker gibt, welche während der ganzen 
Dauer ihrer Krankheit keine andere psychische Störung als die einfache 
Verblödung, den immer weiter fortschreitenden geistigen Verfall aufweisen, 
bei anderen Kranken aber neben dieser progressiven Demenz manische 
oder melancholische Zustandsbilder auftreten, ebenso erzeugt das Myxödem 
bei fast allen Kranken eine mehr minder schwere Herabsetzung und Be 
einträchtigung der geistigen Funktionen, welche Störung in dem einen 
Falle als einziges psychisches Symptom isoliert bleibt, in dem anderen 
Falle aber auch mit anderen psychopathischen Zuständen, Wahnideen, 
Sinnestäuschungen usw. einhergehen kann.“ Diese Mannigfaltigkeit der 
psychischen Symptome hat es auch wohl verursacht, daß ältere Autoren 
die psychopathischen Zustände des Myxödems als Komplikationen auf 
faßten. Savage sagt in seinem in Tores „Dictionary of Psychological 
Medicine“ erschienenen Sammelreferat über die Resultate der Forschungen 
der englischen Myxödemkommission wörtlich: „Insanity as a complication 
is noted ... in about half the cases. It takes the form of acute or 
chronic mania, dementia or melancholia with a marked predominance of 
suspicion and self-accusation . . .“ Diese von ihm berechnete Verhältnis 
zahl von 50°/ o würde der heutigen Ansicht nicht mehr entsprechen. Heut 
zutage würden wir das, was Savage als Komplikationen bezeichnet, als 
Symptome auffassen; ja mehr noch, wir würden sie aus der geschilderten 
ganz besonderen Eigenartigkeit ihrer Färbung ohne weiteres als Symptome 
des myxödematösen Irreseins zu diagnostizieren imstande sein. 
ad 3. Bekanntlich nimmt man jetzt fast allgemein an, daß das Sekret 
der gesunden Schilddrüse wie ein Antitoxin gewissen Toxinen gegenüber 
wirkt, die als Nebenprodukte des Stoffwechsels auftreten. Fehlt das Sekret, 
wie es eben bei dem Myxödem der Fall ist, so häufen sich diese Toxine 
im Blute an und üben ihre vergiftende Wirkung aus (Ewalds Referat 
auf dem XIV. Kongreß für innere Medizin). Sobald man aber künstlich 
von Tieren gewonnenen Saft der Glandula thyreoidea in genügender Menge 
dem Körper wieder zuführt, werden die Toxine vernichtet, und mit ihnen 
verschwinden die krankhaften Erscheinungen. Diese gute Wirkung ist 
nun auch beim myxödematösen Irresein fast ausnahmslose Regel, und zwar 
ist der Erfolg ein so prompter, daß fast in allen Fällen von Myxödem 
mit Geistesstörung, in denen die Substitutionstherapie angewandt wurde, 
von kompleter Heilung gesprochen wird. Natürlich hält die Heilung nur 
solange vor, als Schilddrüsenpräparate gegeben werden. 
Auch in meinem Falle war der Erfolg der ersten Kur ein recht guter. 
Aus der geistig stumpfen, interesselosen, schwerfälligen Kranken wurde 
wieder eine aufgeweckte, heitere, treusorgende Gattin und Mutter, die
	        

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