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1. Das zeitliche Zusammentreffen von Myxödem und Psychose.
2. Die Eigenart der in Rede stehenden Psychose.
3. Ihre Beeinflussung durch Thyreoidin.
ad 1. Gleichzeitig mit den körperlichen Erscheinungen (Anschwellungen),
die Frau B. zuerst an sich selbst bemerkte, und die dann auch von den
Ärzten gesehen wurden, traten die ersten subjektiven Beschwerden („Neur
asthenie“) und die dem Ehemanne aufgefallene Veränderung des geistigen
Befindens auf. Bald zeigten sich Sensationen und Halluzinationen, so daß
nunmehr die Psychosis voll ausgebildet war. Seit man auf die Alteration
der Psyche bei Myxödematösen mehr als früher zu achten gelernt hat,
bezeichnet man diesen Verlauf als den gewöhnlichen. Nur sehr selten
liest man jetzt, daß die psychischen Störungen erst spät in die Er
scheinung traten.
ad 2. Hierzu müssen wir uns die Frage vorlegen, ob es möglich ist,
eine in sich abgeschlossene, als solche diagnostizierbare Myxödempsychose
als Krankheitsbild sui generis aufzustellen.
Die meisten Autoren halten das sehr wohl für möglich. Das Charak
teristische des myxödematösen Irreseins besteht vor allem in der in vor
geschrittenen Fällen stets im Vordergründe stehenden schweren geistigen
Hemmung, die sich bis zur Apathie steigern' und eine schwere Demenz
vortäuschen kann. „Alle vorgeschrittenen Fälle von Myxödem,“ sagt
Bealles (1. c.), „zeigen bestimmte psychische Störungen, die der Dementia
zuneigen, gewöhnlich mit Delusionen, welch letztere die Form von Miß
trauens- und Verfolgungsideen annehmen.“ Auch dieses oben genannte
Mißtrauen der Kranken (morbid suspiciousness, Clouston 1 ) findet sich in
der Literatur sehr häufig erwähnt. Daneben besteht fast immer Reizbar
keit, Verlust der Selbstbeherrschung mit Wutausbrüchen und Neigung zu
Gewalttätigkeit. Auch bei meinem Fall sehen wir Ähnliches, nur daß sich
hier das Mißtrauen zu seiner höchsten Potenz, zur Ausbildung von wirk
lichen Vergiftungsideen (Kleesalz und Soda in der Milch) steigerte.
Andererseits sehen wir im Verlaufe der Krankheit die verschiedensten
Symptome auftreten, die wir auch bei andern Psychosen beobachten: Ge
dächtnisstörung, Intelligenzdefekte, sowie Stimmungsanomalien der mannig
faltigsten Art, wechselnd zwischen manischer Erregung und tiefer, bis zum
Suicid gehender Verstimmung. Aber diesen Wechsel mancher, an sich
anscheinend ganz entgegengesetzter Symptome konstatieren wir ja auch
bei vielen anderen Geisteskrankheiten, die wir neuerdings, mehr auf Grund
ihres ganzen Verlaufs als des zeitweilig bestehenden Zustandes als Psychosen
sui generis aufzustellen uns gewöhnt haben, vor allem bei der großen Reihe
der doch oft erst nach Jahren zu einem gewissen Abschluß gelangenden
1 The mental aymptoms of m. Journal of m. Science. Januar 1894.

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