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das erstemal wegen „Neurasthenie“, sodann wegen „Psychosis“ behandelt,
darauf wird sie in die Irrenanstalt überführt, wo sie, bis sich das Myx
ödem so weit ausbildet, daß es erkannt wird, 17 Monate als Geisteskranke
verbleibt. Dem retrospektiven Blick allerdings erscheinen die Symptome
des Myxödems schon viel früher genügend ausgebildet zu sein, um aus
ihnen die Diagnose zu stellen. Denn wenn man nach den charakteristischen,
damals vorhandenen und in den Krankengeschichten registrierten Erschei
nungen fahndet, so waren bereits 1900 vorhanden die Blässe und die
leichte Gedunsenheit des Gesichts sowie die mäßige Schwellung der oberen
Augenlider, auf psychischem Gebiet Klagen über „Brennen im Kopf“ und
„furchtbaresNachdenken, wenn sie etwas will“(Gefühl der geistigen Hemmung).
In Friedrichsberg wurden bei ihrer Aufnahme ihr gedunsenes Gesicht, ihre
langsame, schwerfällige Sprache, der unsichere, schwankende Gang be
merkt. Fast erscheint es wunderbar, daß keiner von den Ärzten, die
Frau B. bis 1902 behandelt haben, auf den richtigen Gedanken kam.
Aber es ist, so sonderbar es Vorkommen mag, nichts Seltenes, daß Myx
ödemkranke jahrelang in psychiatrischen Anstalten unentdeckt bleiben.
Es liegen Beobachtungen vor, daß Myxödematöse 3, 5 und mehr Jahre
lang in Irrenhäusern als Geisteskranke behandelt wurden, ehe man die
Diagnose stellte, und doch ging aus dem Aufnahmestatus hervor, daß da
mals bereits die typischen Erscheinungen der Krankheit deutlich vor
handen waren. So sehr können die geistigen Störungen im Vordergrund
stehen. Beadles 1 bringt mehrere derartige Fälle. Derselbe Autor ver
öffentlichte 1898 drei weitere Myxödemfälle, in denen eine psychische
Störung von mehrjähriger Dauer vorausgegangen war. 2
Bei allen Myxödemfällen, in denen die psychischen Erscheinungen
die somatischen an Auffälligkeit übertreffen und zeitlich ihnen sogar vor
auszugehen scheinen, muß man sich eine Frage vorlegen, die Beadles 3
bereits 1894 und später Pilcz 4 getan haben: Ist die Psychose das Primäre
und zu derselben das Myxödem hinzugetreten, liegt also eine zufällige
Kombination von Psychose und Myxödem vor, oder ist erstere nur eine
Teilerscheinung, ein Symptom des Myxödems?
Wie verhält sich nun der vorliegende Fall zu dieser Frage?
Drei Gründe sind es, die für die Beantwortung in dem Sinne, daß
er zur zweiten Kategorie gehört, also eine echte myxödematöse Geistes
störung ist, die Entscheidung geben:
1 Journal of Mental Sc. Okt. 1893.
2 Lancet. IV. 1898.
3 Lancet. Februar 1891. The thyreoid treatment of myxoedema associated with
insanity.
4 Zur Frage des myxödematösen Irreseins und der Schilddriisentherapie bei
Psychosen überhaupt. Jahrb. f. Psych. u. Neurol. 1901.

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