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Direktor der Anstalt bezeichnet sie als ihren Vater, den Assistenzarzt als ihren
Bruder Carl. Sie sagt, als der letztere es bezweifelt: „Stell dich man nicht
so dumm an; wie du aus dem Mutterleib gekommen bist, hab ich dich ab
gewaschen und auf meinen Arm genommen, du Döskopp.“ Über Zeit und Ort
ist sie vollständig orientiert, das Gedächtnis ist vorzüglich, z. B. gibt sie die
Daten ihrer Aufnahmen und Entlassungen ganz genau an. Ihr Mann teilt mit,
daß sie sich bei seinen Besuchen nach allen Einzelheiten der Wirtschaft er
kundigt. Er wundert sich, daß sie so gut von allem Bescheid weiß, aber auch
er findet, daß seine Frau „nicht so ist, wie früher“.
Fassen wir kurz den langen Verlauf der Krankheit zusammen, so
sehen wir, daß unsere Patientin nach längerem schlechten Befinden 1900
im Frühjahr wegen „Neurasthenie“, im Herbst wegen „Psychosis“ im
Krankenhaus behandelt wurde. Daran anschließend Aufnahme in die
Irrenanstalt Friedrichsberg und, einen Urlaub von 5 Monaten eingerechnet,
17monatiger Aufenthalt daselbst, bis im März 1902 die Diagnose Myx
ödem gestellt wurde. Thyreoidinmedikation erzielte weitgehende, einer
Heilung nahekommende Besserung, die die Entlassung aus der Anstalt im
.Juli 1902 ermöglichte. Nach 15 Monaten, im Oktober 1903, Wiederauf
nahme mit den ausgeprägten Symptomen des Myxödems und schwerer
psychischer Hemmung. Auf Thyreoidineingabe bedeutende Besserung mit
voller Arbeitsfähigkeit; auf psychischem Gebiet Umdeutungen, die fast
Wahnideen glichen und nur mangelhaft korrigiert wurden. Im Februar
beurlaubt, im Juli desselben Jahres, 1904, zurückgebracht ohne myxöde-
matöse Schwellungen in starker psychischer Erregung. Zu Hause soll
sie reichlich Tabletten genommen haben, wofür der Gewichtsverlust von
15 Pfund während ihres Urlaubs sprechen würde. Außerdem Halluzina
tionen, Sensationen, lebhafte, nicht fixierte Wahnideen. Thyreoidin wird
ausgesetzt und Patientin fällt bei einer Gewichtszunahme von 25 Pfund
in die frühere Lethargie zurück. Seit 1906 erneute Thyreoidingaben,
worauf prompter Rückgang der körperlichen Erscheinungen; die Psychose
ist nur wenig gebessert, doch ist .die Beeinflussung der geistigen Regsam
keit sehr deutlich.
Überschauen wir so die 6 Jahre der Krankheit, so muß uns manches
auffallen. Die Richtigkeit der gestellten Diagnose dürfte zweifellos sein;
differentialdiagnostische Schwierigkeiten waren, sobald einmal das Myx
ödem erkannt war, nicht mehr zu überwinden. Man muß auch sagen,
daß mein Fall, was die somatischen Symptome anlangt, sich in nichts von
dem Bilde unterscheidet, das andere Beobachter längst fertig gezeichnet
haben. Dagegen bietet er in psychischer Hinsicht so viel Interessantes
und Ungewöhnliches, daß es notwendig ist, hierauf näher einzugehen.
Schon das frühe Einsetzen der geistigen Störung fällt auf. Bereits
1 Jahr vor der Krankenhausaufnahme sind psychische Veränderungen vom
Ehemanne beobachtet worden. Im k’rankenhaus wird Patientin zweimal,

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