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sächlich früher nie gesehen haben kann, schon als Kind gekannt haben. Eine
andere Patientin bezeichnet sie als ihre Verwandte u. a. m. Äußerlich zeigt sie
nichts von der Norm Abweichendes, keine Klagen, keine Sensationen. Der Hämo-
globingehalt des Blutes, der bei der Aufnahme wieder nur 70 °/ 0 betragen hatte,
war auf 90°/ 0 gestiegen.
Am 28. Februar 1904 konnte der Versuch einer Beurlaubung gemacht
werden. Am 17. Juli 1904, nach 5 Monaten also, wurde sie wieder auf
genommen, nachdem sie uns durch ganz konfuse Briefe, die sie uns schrieb,
von der Notwendigkeit ihres Anstaltsaufenthaltes überzeugt hatte. Diese Briefe
machten in ihrer Sudelei mit ihrem zerfahrenen, ideenflüchtigen Inhalt ganz
den Eindruck der Briefe manischer Kranken. Bei der Visite liegt sie mit auf
gelöstem Haar (sie waren ihr inzwischen wieder dicht und lang gewachsen) im
Bett und erzählt mit enormem Wortschwall in unzusammenhängender Weise
von der Zeit ihrer Beurlaubung. Vor allem spielen die Nachbarweiber eine
große Rolle in ihren Erzählungen; sie nennt sie „Gemeindesippe“. Diese haben
ihr überall nachgestellt und ihr sogar nach dem Leben getrachtet. „Die Weiber
halten sich kräftig und mir haben sie meine Kraft genommen.“ „Dann soll ich
bis auf die Fingerspitzen lahmgelegt werden.“ Wird schließlich ganz unver
ständlich: „Wenn er es irgend kann, sorgt er, daß sich was ansammelt im
Munde, und dann verlangt er mich raus.“ Verkennt ihre Umgebung, hält die
Bettnachbarinnen für die Kinder ihrer Miteinwohner. Den Arzt duzt sie, nennt
ihn „August“. Äußerlich keine Zeichen von Myxödem. Nach Angabe des
Mannes soll Frau B. zu Hause Tabletten eingenommen haben, aber sehr unregel
mäßig, wochenlang keine und dann wieder sechs bis acht auf einmal. Soll zunächst
kein Thyreoidin bekommen. 15. September: Andauernd erregt, schimpft, prügelt
Kranke und Wärterinnen, sieht dabei sehr wohl aus. Tabletten zweimal eine.
Jetzt trat monatelang keine Besserung ein, im Gegenteil nahm die Psychose
eher zu, während das körperliche Befinden ausgezeichnet blieb. Im April 1905
steht in der Krankengeschichte: „Bietet zurzeit fast das Bild einer halluzina
torischen Paranoia mit Wahnideen, die allerdings sehr wechseln.“ Die Kranke
hört ihren Mann nebenan sprechen und beschuldigt die Wärterinnen der Hurerei
mit ihm. Sie will es nachts selber gesehen haben. Besonders die Abteilungs
wärterin ist ihre Feindin, diese wolle sie ermorden, sie habe ihr das Messer
im Keller bereits einmal auf die Rippen gesetzt. Wird, da sie mit jedermann
Streit bekommt, meistens separiert gehalten, singt in ihrem Zimmer mit lauter,
heller Stimme Gassenhauer und Couplets erotischen Inhalts und entfaltet dabei
ein kolossales Repertoire. Im Laufe der folgenden Monate blieb der Zustand
mit Schwankungen zwischen Zeiten tobender Erregung und verhältnismäßiger
Besonnenheit im ganzen unverändert. Die Kranke halluzinierte viel, namentlich
mit dem Gehör, hatte auch Geschmackstäuschungen, glaubte, in der Milch wäre
Soda und Kleesalz. Zur Ausbildung eines fixen Wahnsystems kam es nicht.
Nur ein Gedanke, daß nämlich der Assistenzarzt ihr Mann sei, kehrte in ihren
zerfahrenen Gesprächen oft wieder. Persönlich redete sie ihn gewöhnlich mit
Herr Doktor an.
Vom September ab zeigten sich wieder Spuren des wieder auftretenden
Myxödems, und damit einher ging eine zunehmende Beruhigung. In den ganzen
letzten Monaten war kein Thyreoidin gegeben worden; man mußte einmal die
Gegenprobe machen und sehen, ob wohl die alten Erscheinungen wiederkehrten
und ob damit die Erregung, die sehr heftig geworden war, wieder abklingen
würde. Im Januar 1906 war neben den charakteristischen körperlichen Störungen

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