Full text: Zur Frage des myxödematösen Irreseins

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nie mehr unter 37°.“ Nach 15 1 / 2 Monaten, am 31. Oktober 1903, wurde 
unsere Kranke der Anstalt wieder vom Manne zugeführt mit voll ausgebildetem 
Myxödem. Nach seiner Angabe hat seine Frau sich in den ersten 9 oder 
10 Monaten sehr gut gehalten. Sie wußte den Haushalt so gut zu führen 
und war in allem so vernünftig, daß er, ebenso wie ihre früheren Bekannten, 
sie für vollkommen gesund hielten. Die mitgenommenen Tabletten nahm sie 
nicht ganz regelmäßig ein, manchmal tagelang überhaupt keine. Sie kontrollierte 
ihr Aussehen vor dem Spiegel und kam zu uns, um sich neue Medizin zu 
holen, sobald sie Schwellungen zu bemerken glaubte. Bei diesen Besuchen 
machte sie einen aufgeweckten, verständigen Eindruck, war orientiert über alles, 
hatte Interesse für Mann und Kinder und war in ihrem blühenden Aussehen 
und in ihrem freien, gewandten Benehmen gegen früher nicht wiederzuerkennen. 
Für das Krankhafte ihres früheren Zustandes zeigte sie volle Einsicht und 
schien davon überzeugt zu sein, daß die Tabletten ihr die Gesundheit wieder 
geschenkt hatten. Aber sie konnte trotzdem bei strenger Beurteilung nicht 
als geheilt bezeichnet werden. Sie trug stets etwas herausfordernd Lustiges 
und Schnippisches gegen die Ärzte und gegen jeden, der ihr in den Weg kam, 
zur Schau. Es fehlte ihr entschieden die richtige Auffassung ihrer Lage. 
Seit dem Sommer 1903 nahm sie, wie ihr Mann sagte, keine Tabletten 
mehr ein, worauf sich ihr Befinden zusehends verschlechterte. Sie fing auch 
an, den Hausstand zu vernachlässigen, vergeudete das Wirtschaftsgeld, zeigte 
auffallende Teilnahmlosigkeit für ihre Familie. Den ehelichen Verkehr ver 
weigerte sie ihrem Manne jetzt, während sie ihn sonst selber gewünscht hatte. 
Jedem gütigen Zureden setzte sie Widerstand entgegen, griff einmal ihren Mann 
bei einer solchen Gelegenheit tätlich an und verletzte ihn durch einen Stein 
wurf am Ohre. 
Bei ihrer Aufnahme ist sie schwer zu untersuchen, widersetzt sich allen 
Aufforderungen, ohne allerdings tätlich zu werden. Sie sitzt mit verschränkten 
Armen und gleichgültigem, mürrischen Gesichtsausdruck da, gibt gefragt ent 
weder gar keine oder brummige, etwas patzige Antworten: „Lassen Sie mich 
doch in Ruhe, Sie haben mich doch schon so oft angeglotzt wie ein Wunder 
tier!“ 15. November: „Bleibt stumpfsinnig auf derselben Stelle der Bank sitzen, 
wo sie sich des Morgens hingesetzt hat; steht nicht einmal zum Essen auf, läßt 
sich die Speisen auf den Schoß setzen.“ Abweisend und schnippisch in ihren 
Antworten: (Gehts Ihnen gut, Frau B.?) „Ja, Ihnen nicht?“ (Wie schlafen Sie 
denn?) „Das geht Sie nichts an, oder wollen Sie bei mir schlafen?“ Auf 
Thyreoidingaben trat bald wiederum bedeutende Besserung ein. Sie fing an, 
lebhafter zu werden, zu arbeiten, teilzunehmen an den Vorgängen ihrer Um 
gebung. Die Intelligenz schien nicht besonders gelitten zu haben; rechnete schnell 
und richtig. 15. Januar 1904. Hat Einsicht in das Krankhafte ihres Benehmens 
während der letzten Zeit ihres Urlaubs, meint: „Wenn ich die Tabletten richtig 
einnehme, kommt das wohl nicht wieder.“ Es fällt aber auf, daß Frau B. in 
bezug auf Personen ihrer Umgebung mannigfachen Irrtümern und Umdeutungen 
ausgesetzt ist. So behauptet sie, daß ein Assistenzarzt, Dr. K., ihr vis-a-vis ge 
wohnt habe mit seiner Frau und seinen zwei reizenden Kindern. Auf das Unmög 
liche dieser Behauptung aufmerksam gemacht, meint sie: „Ich kann mich ja 
auch geirrt haben, fest behaupten will ich das nicht“ und setzt dann, nur halb 
überzeugt, hinzu: „Wie ich mich nur so täuschen konnte, ich sollte Dr. K. doch 
kennen, wir sind doch zusammen zur Schule gegangen.“ Auf Vorhalt bezeichnet 
sie dann auch dies als Irrtum. Ferner will sie eine andere Kranke, die sie tat
	        

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