Full text: Beitrag zur Lehre von den Psychosen nach akuten Infektionskrankheiten

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Über einen von Jolly beobachteten Fall von Psychose bei 
Diphterie berichtet Adler 1 ): Ein Herr von 40 Jahren litt seit 
8 Tagen an Rachen- und Kehlkopfdiphterie mit hohem Fieber 
und Delirien. Am 5. Krankheitstage ließ das Fieber nach. 
Die bis dahin angenehmen Delirien nahmen nunmehr einen 
beängstigenden Charakter an: der Kranke sah und hörte Ver 
folger, erwartete seine Hinrichtung. Auch fühlte er sich so 
elend und zusammengeschrumpft, daß er in einer Nußschale 
Platz habe. Er verkannte seine Umgebung. Zeitweise wurde 
er aggressiv, dann lag er wieder stundenlang, ohne ein Wort 
zu sprechen. Puls voll, von normaler Frequenz. Nach einer 
Untersuchung am Morgen des nächsten Tages fing er nach 
mittags wieder an zu grimassieren und verwirrte Reden zu 
führen. Nach ruhiger Nacht waren am nächsten Tage die 
geistigen Störungen geschwunden. 
Endlich ist auch ein Fall von Geistesstörung nach 
Diphterie zu erwähnen, den Sara Welt sah 2 ): Ein lOjähriger 
Knabe, dessen Schwester epileptisch war, hatte als kleines 
Kind Rhachitis, Krämpfe, Masern, Scharlach und Bronchitis 
durchgemacht, war aber seit 5 Jahren stets gesund. Nach 
Ablauf einer mäßig schweren Diphterie besserte sich das 
Befinden, der Puls aber blieb klein und beschleunigt. Pat. 
wurde dabei immer unruhiger, außerordentlich gesprächig, geriet 
leicht in Zorn, wurde gewalttätig, versuchte z. B. die kleine 
Schwester zum Fenster hinaus zu werfen, zerriß und zerbrach 
alles, was ihm unter die Hände kam. Erst nach mehrmonat 
licher Dauer trat vollkommene Genesung ein. 
Die landläufige Beobachtung, daß immer nur ein Bruch 
teil der aufgeführten Infektionskrankheiten durch Psychosen 
kompliziert ist, daß selbst bei dem in dieser Beziehung so 
prädilektierten Abdominaltyphus nur 4,5 % der Fälle mit 
Geistesstörungen verknüpft sind, hat natürlich zur Auffindung 
der Ursachen die Aufmerksamkeit gerade auf derartige so aus 
gezeichnete Fälle gelenkt. 
Die Höhe der im Fieber erzeugten Eigenwärme hat wohl 
mit dem Ausbruch der Psychose nichts zu tun. Schon bei 
*) Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, Bd. 53, 1897. 
2 ) Ref.: Neurologisches Zentralblatt, 1893, S. 527.
	        
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