Full text: Beitrag zur Lehre von den Psychosen nach akuten Infektionskrankheiten

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Es ist eine seit langem bekannte Tatsache, daß in engem 
zeitlichen und ursächlichen Zusammenhänge mit akuten und 
chronischen Infektionskrankheiten psychische Störungen auf- 
treten können, welche die Erkrankung in diesem oder jenem 
Stadium der Inkubation, des Anstieges, der Akme, des Dekre- 
mentums oder der Rekonvaleszenz begleiten, entweder den 
Charakter des Stupors oder meistens den des Deliriums zeigen 
und als Inkubations-, Initial- oder Infektionsdelirien und ferner 
als Deferveszenz-, Kollaps- oder Inanitionsdelirien unterschieden 
werden. Sie fallen hauptsächlich in die Zeit vom 20. bis 
zum 50. Lebensjahre. Die im Beginne auftretenden Störungen: 
die Inkubations-, Fieber- und Initialdelirien zeigen bei gleich 
zeitig tief beeinflußtem Sensorium eine gewisse Flüchtigkeit 
der Symptome. Die Bildung langer und festsitzender, systema 
tischer Wahnvorstellungen und andauernder Stimmungs-Ano- 
malieen erfolgt nicht so leicht. Im späteren Verlaufe der 
Erkrankung jedoch, in den Kollapsdelirien, ist der Charakter 
der Symptome schon ein beständigerer, andauernderer, und 
dies erst recht bei den in der Rekonvaleszenz entstehenden 
Psychosen, die sich sehr häufig in Melancholie, Manie, 
Katatonie ausbilden. Die Hauptsymptome des ausgebildeten 
Infektionsdeliriums sind 1 ): Bewußtseinstrübung, Desorientiert 
heit, Sinnestäuschungen; die Wahnideen können nur ganz ver 
einzelt auftreten und deshalb der ganze Verlauf ein mehr ru 
higer sein oder zusammen mit gehäuften Wahnideen tritt eine 
sehr lebhafte, motorische Erregung auf. Oft sind ängstliche 
Affektzustände vorhanden oder Zorn- und Angstausbruch 
wechseln ab. Die motorische Unruhe kann sich bis zu 
schweren Jactationen steigern. Oft wird der erregte Be 
wegungsdrang durch stuporöse Zustände unterbrochen. Die 
Sinnestäuschungen sind meist beängstigender Art: im Anfänge 
Donnern, Klopfen, Poltern, Stampfen wie von einer Maschine. 
Im weiteren Verlaufe vernehmen die Kranken Worte, Sätze, 
beschimpfende Äußerungen, hören ihren Namen rufen, glauben 
die Stimmen zu erkennen. Es kommt zu Gesichtstäuschungen: 
anfänglich Flimmern, Sternesehen, bunte Kreise, Kugeln, später 
s. 160. 
*) Lehrbuch der Psychiatrie von Binswanger & Siemerling, 1904,
	        

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