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Vom 29. I. an eine Halzentzündung mit Fieber über 39 °, das
aber nur bis zum 2. II. währte. Am Abende des letzteren
Tages plötzlich Unruhe, Aufgeregtsein, Angst, Gestaltensehen,
Stimmenhören, Vorsichhinsprechen, später Zittern, zum Bette
herausdrängen. Anhalten dieser Erregungszustände bis zum
4. II. Vom 5. II. an allmähliche Beruhigung und Aufhellung
des Bewußtseins.
Wie ist nun dieses Krankheitsbild zu deuten ? Differential
diagnostisch dürfte man an die Korsakowsche Psychose
denken: am 27. I. hat ein alkoholischer Exzeß stattgefunden,
Pat. war als Nichttrinker dem Alkohol gegenüber besonders
imbecill. Grundlage der Korsakowschen Psychose wird
meistens, braucht aber nicht immer eine chronische
Alkoholvergiftung zu sein; sind doch in neuerer Zeit auch
infektiöse Prozesse (Typhus) als Ursache der Krankheit erkannt
worden 1 ). Auf neuritische Erscheinungen, durch welche letztere
kompliziert zu sein pflegt, deutet bei unserem Patienten die
leichte Druckempfindlichkeit der großen Nervenstämme der
unteren Extremitäten. Wie im typischen Korsakowschen
Symptomenkomplexe ist auch im vorliegenden Falle eine weit
gehende örtliche und zeitliche Orientierungsstörung vorhanden,
spielen Erinnerungsfälschungen eine große Rolle, fabuliert der
Kranke auf das lebhafteste und erzählt Geschichten und Er
lebnisse. Und doch ist zwischen dem Korsakowschen Symp
tomenkomplexe und der Psychose unseres Kranken ein be
deutender Unterschied: in jenem ist die Stimmung meist
ruhig, zufrieden, hat einen euphorischen Hintergrund 2 ), im
gegenwärtigen Falle aber ist der Inhalt aller Selbsttäuschungen
ein sehr beunruhigender und erschreckender. Auch liegen bei
dem in Rede stehenden Kranken der übermäßige Alkoholgenuß
am 27. I. und der Ausbruch der Psychose am 2. II. abends
zu weit auseinander, als daß diese auf Rechnung jenes gesetzt
werden könnte. Vielmehr ist die Psychose mit der am 29. II.
ausgebrochenen Angina in Zusammenhang zu bringen.
*) Lehrbuch der Psychiatrie von Binswanger & Siemerling, 1904,
S. 197.
2 ) Siemerling: Über Psychosen im Zusammenhänge mit akuten
und chronischen Infektionskrankheiten.

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