Titel:
Über den Rhythmus in den Lebenserscheinungen
Beteiligte Personen:
Straus, Heinrich Wikipedia
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Statt finde. Diesem Verhältnis von Einhauchung und
Verdunstung, ist das merkwürdige Phänomen zuzu-
schreiben , dafs der Mensch am Morgen fast um ^ Zoll
gröfser ist als am Abend. Wasse °) der diese Be-
merkung zuerst machte, schrieb diese Aufsaugung dem
Druck der Wirbelsäule zu, der am Tage durch den auf-
rechten Gang vermehrt wurde ; ich glaube aber, dafs
diese Gröfsenabnahme auch dann Statt findet, wenn der
Mensch den ganzen Tag über eine horizontale Lage an-
nimmt, dafs es also nicht nach Wasse's Meinung dem
Drucke, sondern überhaupt der am Tage vennehrten
Aufsaugung zuzuschreiben sey, obgleich nicht zu
läugnen ist, dafs der aufrechte Gang etwas dazu bei-
tragen mag. Nach Davy findet Nachts ein gröfserer
Wasserreichthum des Blutserums statt, als Vormittags.
Sehr deutlich zeigt sich der Wechsel von Contraction
und Expansion an der Pupille;Nachts ist sie erweitert,
also die Iris contrahirt; am Tage verengt, also die-
selbe expandirt. Die Nacht begünstigt das Leben
der Vene, der Tag das der Arterie**). Beim Manne
herrscht das Arteriensystem, beim Weibe das Venen-
system vor. Die Reproduction, das Pflanzenleben im
Menschen, culminirt Nachts; defshalb beim Weibe,
beim Kinde, eine stärkere Reproductionskraft als beim
Manne. Die Phantasie, die wir die productive Kraft
des Geistes nennen können, ist Abends stärker als
Morgens; sie scheint in der Nacht als Traum die gröfste
Breite erreicht zu haben. Der Wille, der Verstand,
die Expansionsseite des Geistes, ist am Morgen wach;
hora matutina tempus agendi. Beim Mann herrscht der
*) S. Philosoph. Transact. Y. 1723. pag. 87.
**) S. Puchelts Krankheit des V«nensystems. pag. 23.
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