Titel:
Säcular-Feyer der Stadt- und Landgemeine zu Glückstadt
Beteiligte Personen:
Witt, Johann Gottfried Wikipedia
wir nun auf uns sehen, die Vergangenheit zu Rathe ziehen, in die Zukunft blicken:
was haben wir denn zu hoffen? ')
Ich sehe voraus, daß wirAlle unsere Schwachheiten, Thorheiten, :c. recht ein-
sehe», also ist von unserer Besserung die Rede, deren Notwendigkeit Jedem ein»
leuchten muß. Ich erwarte, daß wir zur Besserung entschlossen sind: was nüzte sonst
jene Einsicht? Haben wir denn nicht gutes zu hoffen? Es isV wie ihr wisset meine
Absicht, Hoffnung zu geben, o mir welcher Freude thu' ich das! aber laßt uns die
Sache von der ernsthaften Seile nehmet?.
Unsere Besserung ist nichts Geringes. Es ist hier nicht die Rede von derAble»
gung dieses oder jenes groben Lasters, oder von der Erwerbung einzelner guten Eigene
fchaften, sondern von Verbesserung unsrer ganzen Denkuugs? und Handlnngsart.
Und zwar kömmt es nicht darauf an, was unser eigenliebiges Herz, oder das Gericht
kurzsichtiger parkeyischer Menschen über un« urtheilet, sondern wie der allwissende
Richter uns findet. Wenn wir nun bedenken, welch' ein sinnliches, schwaches, zum
Theil widerspenstigesGeftböpf der Mensch überhaupt ist; wie jedes Aller, jedes Gs<
schlecht, jedes Temperament seine eigenthümlichen Gebrechen hat; welche Schwies
rigkeiten des Guten selbst aus der äußeren Lage des Menschen entstehen; wenn wir
dabey aus der Vorzeit unsre Abweichungen, unsre Gewohnheiten betrachten, wie oft
wir in leichten Versuchungen fielen, wie wir die wärmsten Vorsähe unerfüllt liessen,
oder gar aufgaben; wenn wir endlich die herrschende Denkungoarr unsere Zeitalters
und ihren nur zu mächtigen Einfluß auf uns erwägen —: wieviel haben wir da
nicht zu besorgen? Wird das, was uns bisher anzog, es nicht auch ferner thun?
wird das Böse nicht gar neue Reize gewinnen? werden unsre Lüste, des Herrschens
gewohnt, sich nun leichter leiten lassen? Wenn wir der Lust Einen Zugang zum
Herzen verschlussen, wird sie nicht drey neue Wege finden? wenn es uns gelingt, sie
cmszuschliessen, wird nicht eine Andre, noch'schlinuuere wieder an ihre Stelle treten?
Wer fühlt nicht das Gewicht dieser Fragen? Wer sehr böse war, kann mit Recht
hinzusetzen : hat nicht das Gute bey mir längst seine Kraft verloren? ist mein Herz
nicht der Unlauterkeit, des Hemels zu sehr gewohnt? ists vielleicht gar schon ver-
härtet? a) Wie wenig haben wir denn zu erwarten?
Aber Gott ist unsre Hoffnung! Wir sehen auf seine Eigenschaften, auf seine
Zusagen, auf die bisherigen Beweise seiner Liebe. Die höchste Weisheit wird noch
Mittel
') Mit Recht sind liier alle die ausgeschlossen, welche für ihr Verhallen «»besorgt
sind. Die Erwartung, die sie haben, «6 werde schon gut sey» und besser werden,
verdient nicht Hoffnung z» heißen. Aber dieser Sorglosen sind viele.
*) Bey den vielen Aufforderungen zum Gulen, die ein Christ gewöhnlich hat, ist dies
sehr oft der Fall. Jede starke Ermahnung und Rührung, wenn sie unbenutzt bleibt,
verschlimmert den Znstand des Herzens. Was heute noch Eindruck macht, thut
«s morgen weniger, und bald gar nicht mehr.