Titel:
Säcular-Feyer der Stadt- und Landgemeine zu Glückstadt
Beteiligte Personen:
Witt, Johann Gottfried Wikipedia
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eder pflegte sie nicht ihrer zu mißbrauchen: so würden wir hoffen können. Aber
wenn noch das grobe Laster neben dem verfeinerten gedeiht; wenn die Verfeinerung
es nur vervielfältigt, und modischer, reizender macht, wieviel laßt denn die Folgezeit
besorgen, da, so hock der Grad ist, den das Verderbniß erreicht hat, doch kein Stille-
stehen Statt findet? Und was hangt nicht alles davon ab?
Auch in Ansehung des Avisieren ist die Aussicht nicht viel günstiger. Seit
einem Jahrhunderte unmerklich, seit zehn Jahren nur allzumerklich, ist der Preis
aller Lebensbedürfnisse unerhört gestiegen: was wird dieses Steigen, das bey fort?
gehendem Kriege, und zunehmendem Aufwand unvermeidlich ist, noch wirken?
Wenn — auch Wahrscheinlichkeiten gelten hier — unsre friedliche Lage sich ändert,
wenn die Zeitumstände gebieten, daß auch unsre Sensen in Schwerdter verwandelt
werden: wie traurig können davon die Folgen sey»? Endlich, wenn wir aufs Ein«
zelne sehen, mit welchen traurigen Aussichten hat wol Mancher unter uns das alte
Jahr beschlossen? Woher haben wir denn Beruhigung zu nehmen?
Wohl allen, die auf Gott vertrauen! Ps. 84, 1 ?. Auf ihn weiset unser Text
Hin. Alles außer ihm ist nur wankende Stühe. Was können wir selbst, was können
andere Menschen, auch die Reichsten und Mächtigsten, uns für Zuversicht gewähren?
Wenn z. B. ein allgemeiner Edelsinn erwachte und Weisheit mit Kraft verei-
nigte: so könnte die Theurung und manches Nebel sehr gemildert werden; aber giebt
das Zeitalter des Eigennutzes und der U'ppigkeit auch einige Hoffnung dazu?') Und
wenn es nicht am Willen fehlte, würde denn auch das Vermögen da seyn ? Wenn
z. E. die schauerliche Frage über Krieg und Frieden beantwortet werden soll: kann
da das friedliche System unsers Hofes, können Bündnisse mit den mächtigsten Po»
tentaten der Erde uns beruhigen? Menschen, auf die wir hier sehen, sind, das Ge«
lindeste von ihnen zu f'gen, sterblich. Ein tNenfch, fo sagt unser Text, ist m sei«
nem leben rvic Gras, er blüher wie eine Blume auf dem Felde. XEenii
der VÜirtfc darüber geher, fo »st fte nimmer da: und lhre Srarce kennet
ffc nicht mehr. Verlasset euch nicht auf Fürsten, so spricht die Erfahrung mit der
Heiligen Schrift einstimmig, Ps. 146, 3.4: sie sind Menschen, und können ja nicht
helfen. D-'nn des Menschen Geist muß davon — alödenn sind verloren alle feine
- Anschläge. Aber wohl dem — deß Hoffnung auf den Herrn feinen Golk stehet, der
Himmel, Erde, Meer und alles was drinnen ist, gemacht hat, der Glauben hält
ewiglich, V. 5. 6. Wer Goktes Eigenschaften, seine Güte, Macht und Weisheit
kennet, der bedarf keiner andern Beruhigung als der Versicherung: der Hcrr har
, jeinen
') Die lezten Zeitungen erzählen, daß im Englischen Parliament ans de» Antrag, man
solle, um der Menschheit Brod zn verschassen, den Pferden, die zur Lnst gehalten
werden, das Futter beschränken, ein Redner geantwortet habe: Jagdpferde miiß«
»en reichlich Haber fressen. Und dies zn einer Zeit, vas Volk nicht einmal Haber
genug zum Brvde hat.