Titel:
Säcular-Feyer der Stadt- und Landgemeine zu Glückstadt
Beteiligte Personen:
Witt, Johann Gottfried Wikipedia
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Ich behaupte nicht zuviel, nicht mehr, als eine vieljährige eigne und fremde Er»
fahrung mich gelehrt hat, wenn ich sage, daß ein Herl, in welchem diese Heyden ver«'
schiedenen aber verwandten Gefühle leben, für die Zukunft alles Gutes verspricht»
Die Zukunft beschäftigt uns heute. Schon ist der Zeitraum angetreten, der
alles, was uns noch in dieser Welt treffen soll, in sich schließt. Natürlich Und Pflicht»
mäßiq ists, daraus zu achten, davon zu reden, was uns noch bevorsteht. Wenn der
Wandrer von einer Höhe seinen Weg überschaut: so blickt er vielleicht eherauf
das,was ihm noch zu gehen übrig ist, als auf den zurückgelegten Theil feines Weges.
Ists auch l loße Neugier, sie ist wenigstens die erlaubteste, zu spähen, zu ahnden,
wie lange noch sein Weg ist zum Ziel, wie leicht oder schwer er ihm werden möchte,
u. s. w. Aber wer kann zweifeln,daß es ihm auch nützlich werden muß, da die Schrift
selbst fordert, daß wir in die Zukunft blicken sollen, so weit sie uns enthüllet ist.
5. Mos. 32, 29.
Schon um unsere Schicksals willen muß die Zukunft unsere Aufmerksamkeit
anziehen. Was kann u«d wird uns widerfahren — in einem Jahre schon — ge-
schweige im Jahrhunderl? Nicht unser Schicksal allein, sondern das Schicksal unser
Kinder und Enkel bis ins vierte Glied, schwebt vor unsrcr Einbildungskraft. Wer
könnte dabey gleichgültig bleiben? Was wird unser und ihr Leos seyn? günstig?
Ungünstig? und wie werden sie und wir es ertragen? — großer Gedanke! Im
Jahrhunderte werden nicht allein wir, auch unsre Kinder, vielleicht unsre Enkel und
Urenkel von dem Schauplatz der Welt abtreten. Ein Jahr schon ist ein betracht-
licher Theil unsrer Frist. Es kann ja das Einzige f.-yn, das uns noch übrig ist.
Unter den l izTodten des ißOOjlen Jahr« sind gewiß Manche wider unser, wider
ihr Erwarten. Einige unter ihnen waren vorm Jahre noch hier mit uns verstimm-
ler, und dachten, wie wir, das Jubeljahr mit uns zu vollenden: nun aber ist ihre
Stelle leer, oder von Andern besetzt. Wenn wieder ein Jahr dahin ist, denn wird
ein Theil von uns, vielleicht 40 — 50, denen jezt Jahre und Gesundheit ein länge-
res Leben versprechen,unter denTodten seyn. Wer ist denn von uns dazu bestimmt?
Doch, ich will euch nicht fürchten machen. Nur Einer von Dreyzigen pflegt
zu sterben, und wir können auch unter denNeunundzwanzigen fcyn, die länger leben.
Jeder von uns wünscht es wahrscheinlich, und es kann geschehen, wenn der Herr «S
gut findet. Aber auch für die, welche länger leben, ist dies Jahr etwas Wichtiges.
Wird — 0 welche bedenkliche Frage ist dasl — der Rest unsers Lebens so fruchtlos
bleiben, wie die vorigen Jahre, wenigstens zum Theil, waren? Das verhüte Got-
tes BarmherzigkeitAber die Frage ist bedeutend, von ihrer Beantwortung hängt
unendlich vieles ab.
Also nicht bloß was uns begegnet, sondern auch unser Verhalten kömmt in
Betracht, wenn von der Zukunft die Rede ist. Was denken wir denn darüber? In
An-