Titel:
Säcular-Feyer der Stadt- und Landgemeine zu Glückstadt
Beteiligte Personen:
Witt, Johann Gottfried Wikipedia
IZ
O ich schließe mich nicht aus, ich stehe vielmehr mitten unter euch, mich selbst zu
richten, damit ich nicht Andern predige, und selbst verwerflich werde. Laßt mich denn
reden mit meinen Zeilgenossen, die die Hälfte des Jahrhundert« durchlebt haben.
Welcher Schauplatz von Thorheilen und Schwachheiten, von Sünden und Misse.'
thaien ist vor uns geöffnet! Ach um Gottes Barmherzigkeit willen, verschliesser eure
Augen nicht.
Wer waren wir in der sogenannten unschuldigen Jugend? unsere Gottes
Ehre, unsrer Aelrein und Lehrer Freude? Wie mancher trägt an sich, oder erblickt
an Andern die Spuren lassen was er damals war, als er unter dem Schutz der
Engel Gottes den leichten W.g der Kindheit wallet?. Wir erwuchsen unter s.umn
Segen, es entwick'lten sieb unsre Kräfte: woran zeigten sie sich zuerst und am men
ste»? In jenen glücklichen Jahren, wo man so lcichr alles wird, was sind wir da
geworden? Jene unschätzbare, unwiederbringliche Saatzeit, wie haben wir sie an-
gewendet? Fühlen wir nicht die Folgen unftrS Leichtsinne, unsere MuchwilienS,
und werden fl wol zeitlebens fühlen? ?l!ö unser Gefühl erwachte, wohin neigte sich
unser Herz? Welche Flammen loderten in unserm Busen? Ware Liebe Gottes und
der Tugend, oder warens Lüste, welche wider die Seele streiten? Thülen wir viel»
le,ch? eben das. wodurch sich Mancher früh ins Grab stürzte? Bei? unsrer stärkeren
G stt"dheit tödtete es uns nicht, aber spüren wir nicht vielleicht längst die Folgen
davon in der Abnahme unsrer Seelen- und Leibeskräfte? Gehören wir etwa zu denen,
von welchen es heiße:
Wie blühte dieses Jünglings Jugend?
Doch er verließ den Weg der Tugend
Und seine Kräfte sind verzehrt:
Verwesung schwebt ob dem Gesichte,
Und predigt schrecklich die Geschichte
Der Lüste, die den Leib verheert?
Ich frage, was wir geworden sind: aber laßt mich fragen, was wir hätten werden
könne», wenn Gottes Barmherzigkeit nicht so groß gewesen wäre. So ginaen wir
ins männliche Alter über, stellten uns dar, und wurden angenommen als vorbereitet
zum Dienste d?r Gesellschaft. Man bekleidete uns mit Aemtern, wir wurden Gatt
ten, Väter, Mütter: wie viele Fragen möchte ich hier rhun» wenn die Zeit mir
nicht geböte? Welche Arbeiter, Haueväter, Gatten, Aeltern waren wir? nicht
träge und untreu, nicht eigennützig und ehrsüchtig? täuschte» wir Nicht das Vr»
trauen, das man in uns setzte? Verletzten wir nicht Eid und Pflicht? auch nicht,
wo es ungeahndet geschehen konnte? Wer ehelos blieb, frage sich: war es anch
Schuld deiner Ueppigk it cler Zügellosigkeit? Wer ehne Kinder blieb, muß erS
«lw« seiner Thorheit, ferner Ausschweifung zuschreiben 1 Wer Gatten und Ki-idec
b»r.