Titel:
Säcular-Feyer der Stadt- und Landgemeine zu Glückstadt
Beteiligte Personen:
Witt, Johann Gottfried Wikipedia
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wohnt, wie undankbar ist das? — Wer das, was er besaß, nicht in Acht nahm,
eS verwahrlojete, sich selbst den Geuuß verkümmerte, wie nennen wir ihn anders, als
einen Verächter der Güte Gottes? Und wie Viele triff dieser Vorwurf, sofern sie
ihr Vermögen verschwendeten, ihre Gesundheit vernachlässigten, zerstörten, oder ihren
V rstand, ihr Herz uiiangebaut liessen. Was ist elender? Was? Dieses, was ge-
rade die Meisten thaten und thun, die Gelegenheiten, die Aufforderungen zum Guten
unbenutzt lassen, ihr wahres Heil, das Heil ihrer Seele versäumen. Schätzen öiefe
All.' die größten Gaben Goireö? Und hier darf ich euch selbst aus'.usen: wer bat
nicht, wo nicht immer, doch oft gesündigt? 0 ihr alle, d«e ihr lange mcht — die ihr
erst spät eure Pflicht einsaget, wie undankbar wäret ihr! Warum gab euch Gott
ti; schöiren Gaben, warum entzog er sie euch nicht, da ihr sie so schlecht benutzter?
Was soll ich von denen sagen, die ihre Pflicht noch nicht erkennen? Aber das Uns'
würdigste Hab' ich noch nicht genannt! Wenn so Mancher nur Verstand zu haben
scheiur, um Betrug und Lügen, um Einwendungen gegen Wahrheit uno Tug.nd,
gegen Gott und seinen Sohn zu ersinnen, oder gar den Schwachen irre zu leiten?
Wenn er nur einen sreyen Willen zu haben »cheint, um sich gegen das Gute, und
für das Schlimmste zu entschllessen? Wenn er nur Güter und Ansehen zn besitzen
scheint, um Böses zu stiften , den Redlichen zu unterdrücken, den Gottlos ,, der
Strafe zu entziehn, die Unschuld zu verderben? u. s. w. was urtheilt ihr von die,
fem undankbaren GescKlechke? Und ach, daß ich« sage» muß, so handelt d?r größte
Tb il. so handeln Alle, die dem andern G-sitz in ihren Gliedern, (Röm. 7, 2?,) dem
G t'vt der Lüste gehorchen, und den Vorschriften der Vernunft und Schrift wi'er»
streben. Ist das das Bild der Menschheit, wer ruft denn nicht mit David aus, wa«
ist der Mensch, daß du, 0 Gott, sein gedenkest! Ps. 8, 5.
Laßt mich euch denn nur hinweisen auf die pflicbcett, welche zu beobachten
wir als Menschen schon verpflichtet, als Christen noch mehr verbunden sind. Denkt
an die Ehrfurcht gegen Gott, die uns auf allen unfern Wegen begleiten müßte —
an das Vertrauen auf Gott, das so heilsam als pfiichtmäßig für uns ist — an die
Liebe und den Gehorsam, welche zu beweisen uns als Kindern und Knechten gebührt.
Denkt an die Pjlichlen der Menst enliebe, der Uneigennützigkeit, der Gerechtigkeit.
Kennen wir sie und ihre Gründe nicht? strafbar genug, denn wie leicht konnten wir
dazu kommen. Kennen wir sie und ihreHe-lsamkeit: so waren wir der Strafe, und
keiner Wohlthar werth.
Jedes Alrer hat feine eignen Vorzüge, die Jugend ihre Harmlosigkeit und
Biegsamkeit, das Jüglingsalter feine Mumerkeit, das Männliche feine Festigkeit
Unc> Vollkraft, das Höhere feine Reife und Erfahrung. Wieviele dieser Stufen wir
erstiegen haben, ob und wie wir ihnen Ehre machten, das rufet ins Glicht vor
Gott, vor eurem G> wissen. Auch Menschen können über ench uriheilen. Was ihr
gethan, gelassen, gelitten, gewollt, gedacht habt, das steht hier vor euren Augen.