Titel:
Säcular-Feyer der Stadt- und Landgemeine zu Glückstadt
Beteiligte Personen:
Witt, Johann Gottfried Wikipedia
# II
Aber nicht bloß das Vaterland, auch uiifre gute Stadt hat dem Schuß unb
Segen des Höchsten Vieles zu danken. Frcylich litt sie heftig um die Mitte des
Jahrhunderts. Unfruchtbarkeit des Bodens, Ungefundheit der Luft und des Ge-
tränke nack jener verheerenden Flut hat uns hart gedrückt: allein wo ist jezt die
Spur der Verwüstung? Nimmt nicht die Zahl und Schönheit unfrejc Häuser, nicht
die Zahl unsrer Schiffe, nicht die Volksmenge jährlich bey uns zu? Welche bedeu-
tende Seuchen haben Uns in yo Jahren heimgesucht? Wie selten, wie gemäßigt
waren Mißwachs und Theurung! Kurz! im Ganzen war dies Jahrhundert der
Gesegneten Eins,
Erlasset mir«, thenreste Freunde und Freundinnen, euch umstänk lich das Ein-
zelne darzustellen. Ihr wißt ja, hier ist von nichts Geringerem die Rede, als von
allem, was wir sind und haben. Ist dieses Jahrhundert nicht der Zeitraum, in
welchcm wir Alle, groß und klein, Leben und Freude, Güter und Ehren ans Gottes
Vaterhand empfingen? Genössest und geniessest du einer guten oder erträglichen Ge»
suudheit — hattest und hast du wo nicht Ueberfluß, doch wenigstens die nölhigen
Bedürfnisse des Lebens — hast du einen liebenden und liebenswürdigen Gatten —
siehst du dich in Hoffnung - gebenden oder erfüllenden Kinder» verjüngt — hattest
und hast tu Freud« in der Welt, oder Vorzüge mit oder vor deinen Zeitgenossen —
ererbtest oder erwarbst du Güter und Vermögen — ward dir das Glück der Freund»
fchaft zu Theil — — Was du hattest^ast und botsei! — olles Iii Werk de» Jahr«
Hunderts, das wir heute unter Gottes Segen beschließen. Ja du darfst weiier zu*
rückgehen — Wae dein Vater, drin Großvater undAcltervater hatten und genossen —
und wie vieles ist davon auch auf dich gekommen? — alles fällt in diesen Zeitraum»
Zweyter Theil.
So hat der Herr an uns gechan, des sind wir fröhlich. Aber ¥t>ic haben
N?ir uns dagegen rethalten? Die Beantwortung dieser Frage wird uns die
göttlichen Wohlthaten erst in ihrer ganzen Größe zeigen. Allgemein begreift sie
unser ganzes Thun und Lassen: denn wir vergessens nicht, daß alle unfte Gaben und
Güter, selbst unser Leben, Wohlthaten Gottes sind.
Haben rvir die XVohlrharen Gottes gesthäyr und angcrom'
der, wie es die Erkenntlichkeit erfordere?
Laßt mich euch an die gewöhnliche Unzufriedenheit der Menschen erinnern,
nach welcher wir uns öfters zurückgesetzt, oder doch nicht begabt genug dünken, so
ungegründet es seyn mag. Wer hat wol Grund gegen Gott zu murren? ja wer hat
nicht alles, was zu seinem wahren Glücke dienet? Aber wenn derUeberfluß der Un-
zufriedenheit nicht wehret, wenn selbst in des Reichen Seele Neid und Mißgunst
wohnt.