Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
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Strick, welchen dio .Mönche um den Leib trugen, ursprünglich wirklich
nur ein Zeichen hat seiu sollen der Kasteiung, der Enthaltsamkeit, zu
welcher den Tempelherrn sein Ordensgelübde verpflichtete; die Erzählung
von der Weihe des Gürtels, die man durch Umlegung um eine Säule der
Marienkirche zu Nazareth vornahm, zeigt aber doch, dass sich zeitig ab-
sonderliche, zu der ursprünglichen Bedeutung dieses Zeichens gar nicht recht
passende Vorstellungen damit verknüpften und dem entsprechende Mani-
pulationen vorgenommen wurden. Denn nach diesen Aussagen wäre die
Schnur nichts gewesen als ein zur Abwehr von Krankheit u. s. w. dienen-
der Talisman. ')
Mit alledem aber bleibt noch immer die Vermuthung vereinbar, dass
jener Umgürtung mit einer— wie es scheint, meist weissen — Schnur bei
den Tempelherren, die so wesentliche Lehrmeinungen der Katharer
sich zu eigen gemacht hatten, doch am Ende ein ganz ähnlicher Sinn
beigemessen worden ist, wie ihn die Katharer bei ihrem Consolamentum mit
der gleichen symbolischen Handlung verbanden.2)
In anderen Punkten scheinen die von den Tempelherren aufgenommenen
katharischen Gebräuche mit dem wachsenden Einiluss der Häresie der Lu-
eiferianer eine Aeuderung erfahren zu haben. Hierhin gehören namentlich
die schamlosen Küsse. So abweichend nämlich die betreffenden Angaben
in manchen Einzelnheiteu sind, so stimmen doch so viele von ihnen iu
den eigentlich entscheidenden Punkten in dem Grade überein, dass es als
ein fast ausnahmslos festgehaltener Gebrauch angesehen werden muss,
dass der in den Orden aufzunehmende Neuling den Receptor und einige
der sonst anwesenden Ordensbrüder auf den Hintern, den iiauchuabel und
— sit venia verbo — das männliche Glied zu küssen hatte.*) Was soll
testis semel contra Saraceno:» ¡a bello existen* cordulaiu suaui sub armis diruptam
minus (so ist zweifellos statt nimia zu lesen) caute perdidit, pro cuius dimissiono
tumquaui pro „défaite" i. e. defultn, punitus fuit.
1) S. Tobler, Nazareth (Berlin 18C8) 132/33.
2) Nach dem, was Tobler a. a. O. mittheilt, wurden durch Berührung mit
der sog. „sehwebenden* Säule in der Verkündigungskirche zu Nazareth Bünder und
dergl. zu Talismanen geweiht: dos wird der ältere Sinn der Templerschnur
gewesen sein, aus dem erst mit fortschreitender Häresie derjenige er-
wachsen sein kann, den die bei dem katharischen Cousolamentum gereichte
Schnur von Anfang un hatte.
3) S. die Anklage Art. 30: Item, quod in reeeptione trat rum dicti ordini» vcl
circa interdum reeipiens et receptas aliquundo se deosculabantur in ore, in umbilico
seu in rentre nudo et in ano seu spina dorsi.— 31: Item, aliquando in umbilico.—
32: Item aliquando in line Spinae dorsi. — 3 3: Item aliquando in virga virili. —