Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
sie bei ungelehrten, zum guten Tlieil sittlich etwas verkommenen und dem
Genüsse des Lebens ergebenen Ilittersleuten sich füglicli nicht wohl finden
konnte.') Dem .Bildungsstande und dem zum Materialismus geneigten
Denken solcher war es sehr viel natürlicher, aus den dualistischen Grund-
1ehren ähnliche Consequenzen zu ziehen, wie sie die übelberufene Secte
der Luci ferian er s) in ihrem Lehrsystem bereits gezogen hatte. Den Luci-
ferianern war der zu Bethlehem geborene, irdische und sichtbare Christus,
der iu Jerusalem gekreuzigt wurde, nur ein Uebelthäter, Maria Magdalena
war Seine Concubine (sie ist die Ehebrecherin, von der im Evangelium die
Hede ist). Ganz ähnlich sahen die Tempelherren in dem unter dem Namen
Jesus (d. h. unter dem Namen des zweiten, ganz machtlosen, weil „zu
jungen" Sohnes Gottes) in Judäa Erschienenen und Gekreuzigten nichts als
einen Betrüger.3) Dem entsprechend wird Christus bei der Reception in
den Orden den Aufgenommenen in zahllosen Fällen bezeichnet nls „falscher
Prophet": im Gegensatz zu dem, was die neuen Glieder des Ordens bisher
geglaubt habcu, sollen sie sich von nun au überzeugt halten, dass Christus
auch nicht gekreuzigt ist für die Erlösung der Menschheil, sondern zur
Strafe für seine eigenen Uebelthaten, und dass man daher durch ihn erlöst
werden weder kann noch soll. ') Am Ausführlichsten hat sich über diesen
Punkt Galcerand de Tcus ausgesprochen, ein iu dem sicilischen Processe
zu Santa Maria verhörter Ordensritter. Derselbe tlieilt die Formel mit, mit
welcher die Ordensoberen in den Capitelli den anwesenden Brüdern die
Absolution ertheilten: „Ich bitte Gott, duss er Euch Eure Sünden vergeben
möge, so wie er 6ie Maria Magdalena und dem Schacher vergab, der ge-
J) Loiselcur 39.
2) Ucbcr das lue i ferian is che Dogma s. nächst Loiselcur 02 besonders
Duchesne, SS. hist. Franc. V, 55 ff.
3) Michelet I, 294; II, 31, 137, 144, 333, 353, 359, 383—84, wo überall den
Zeugen unter Vorlegung des Crucifixes und der Frage, ob sie an diesen glaubten,
die Weisung gegeben wird, an diesen „falschen Propheten" nicht zu glauben
und das durch Bcspeien des Kreuzes zu beweisen.
4) S. die Aussagen des Guido de Ciccia» bei Loiselcur 190¡ (respondet,
quod vidit et audivit dogmatizan post sui reeeptionem—per supradictos preceptores,
Jesum Christum non esse verum Deum, immo falsum fuisse prophetam
et cum non fuisse passiim pro salute humani generis, sed pro sceleribus suis, et
per euni non posse nec debere salvari), und des Nicolaus Kcginus ebendas. 197
(quod Christus non erat verus dominus neque deus, sed erat falsus prophets et
passus non fuerat pro salute humani generis et quod non habebant spem salvationis
habendae per Christum, sed per quoddam caput etc.), Durand Charucr's bei Molden-
Ii a wer 023, Albertus' de Cavellis ebendas. 355.