Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
Welten als Schöpfungen beider lehrten. Ohne dass es sich aus Zeugen-
aussagen bestimmt beweisen liesse, scheint doch der Dualismus der
templerischen Geheimlehre am nächsten verwandt gewesen zu sein mit dem
der thracischen Bognmilen. ■) Denn auch für die Tempelherren war
allein der untere als Schöpfer der Materie und des Bösen gedachte Gott
dem Menschen zugänglich, aber er steht mit dem oberen Gotte, welcher
den Sterblichen völlig unnahbar ist, nicht in Feindschaft und Streit; das
ist ebenso bei den Bogomilen, und vielleicht darf man eben deshalb sich
das Verhältniss der beiden Gottheiten bei den Tempelherren denn auch
im Einzelnen so ausgeführt denken, wie wir es bei den Hogomilen linden.3)
Diese nämlich sehen in dem unteren Gotte des oberen Gottes ältesten
Sohn.») »Mit dem Vater zerfallen, ist derselbe aus dem Himmel verjagt;
da schafft er sich die Erde und den Menschen; unfähig jedoch, dieselben
zu beleben, muss er sich dazu seines Vaters Hilfe erbitten; dieselbe wird
ihm denn auch gewährt, wie überhaupt der obere Gott alle Zeit eine ge-
heime Neigung und zärtliche Vorliebe für den seiner Rechte verlustig
gegangenen Erstgeborenen bewahrt und zwischen beiden ein freundlicher
Verkehr stattfindet.
Hat es also eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich, dass die Tempel-
herren den als Grundlage ihrer Lehre erkennbaren Dualismus in einer dem
bogomilischen Dogma ähnlichen Gestalt weiter durch- und ausführten, so
ist doch ein Punkt deutlich erkennbar, in welchem dieselben ihre Lehre
wesentlich abweichend von diesem Vorbilde gestaltet haben. Wie nämlich
fast alle Katharer,4) so sind auch die Bogomilen Doketistcn gewesen,
d. h. sie haben eine scheinbare Menschwerdung Christi gelten lassen,
ein die menschlichen Sinne täuschendes Erscheinen des Heilandes in
Menschengestalt angenommen, was bei ihnen auch wohl in der Form
vorkommt, duss sie vou dem „Mensch gewordenen Jesus" als dem
zweiten, jüngeren Sohn Gottes sprechen. Dio Tempelherren gingen,
wie etliche Aeusserungen erkennen lassen, darin viel weiter. Auch nur
von einem scheinbaren Menschgewordensein Jesu ist bei ihnen nicht mehr
die Rede, wie ja allerdings eine solche Vorstellung eine Subtilität des
Denkens und eine Neigung zu philosophischer Speculation voraussetzt, wie
/ 1) Deren System entwickelt C. Schmidt a. a. O. II, 51 ff.
-) S. Loiselcur 49 ff.
3) Mit Recht betont Loiseleur die S. ¿4 angeführte Aussage, nach der Christus
für zu jung galt, um göttlich verehrt zu werden.
4) In Betreff der Alhigenser a. II ahn, Geschichte der Ketzer iui Mittel-
alter I, 1J>7.