Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
Und gerade dieser Zug ist es nun, der an einer anderen Stelle eine
Parallele findet, welche uns sofort einen werthvollen Anhalt gieht zur
Beantwortung der weiterhin noch besonders zu behandelnden Frage nach
dem Ursprung, von dem wir die templerische Geheimlehre herzuleiten
luiben werden. Genau das hier für den Tempelherren-Orden ge-
wonnene Resultat hatte sich der Inquisition ergeben als
einer der Cardinal punkte in der Lehre der albigenser Ketzer.')
Diese Lehre von einem die sichtbare Welt beherrschenden unteren Gotte,
welche wesentlich zum Sturze des Tempelherren-Ordens beitrug, war dem-
nach nicht eine neue, war nicht etwa erst in diesem Kreise entstanden,
sondern war älter als ein Jahrhundert.
In dem, was wir bisher als Inhalt der templerischen Geheimlehre
nachgewiesen haben, ist also noch nichts speci fistili Templerisches,
sondern diu in dem Orden gepflegte Häresie erscheint bisher einfach als
in ihren Grundzügen identisch mit der aller Katharer.') Aber
doch nur in den Grundzügen; dieselben haben in dem Orden
der Tempelherren im Laufe der Zeit eine eigenartige Weiter-
bildung erfahren, so dass sich schliesslich auf dem gemeinsamen
Boden katharischer Häresie überhaupt allerdings eine speci fisch
templerische Häresie entwickelt hat.
Wenn nämlich nach dem bisher Angeführten die Tempelherren, wie
alle Häretiker, ohne Frage Dunlisten waren, so bekennen sie sich doch
nicht zu dem schroffen Dualismus, auf dein die Lehre der mohamedauischen
Secte der Ismaelier») beruht, mit denen man sie wohl in Verbindung zu
bringen versucht hat,4) denn von einem Kampfe der beiden einander
dualistisch entgegengesetzten Gottheiten und der beiden von ihnen aus-
gehenden Welten, wie ihn die Ismaelier lehren, ist bei den Tempelherren
auch nicht die geringste Spur vorhanden. Aber ebenso wenig fällt der
templerische Dualismus zusammen mit dem der Manichäer, welche zwei,
einander zwar nicht feindliche, aber doch durchaus getrennte, in keiner
Weise mit einander verbundene oder auf einander wirkende Gottheiten und
diesen entsprechend zwei ebenso absolut ausser jeder Verbindung stehende
1) S. Limborch, Ilist. Inquisition. 132.
2) Die katharische Lehre ist systematisch dargestellt von C. Schmidt a. a. O.
II. 12 ff.
3) Vgl. Qbcr sie de Sacy, Mémoire sur la dynastie des Assassins in den Mé-
moires der Pariser Acad. IV, 72 ff. (1818), und die Abhandlung von Guyard
im Journal Asiatique 1877, p. 344 ff.
4) Kundgruben des Orients VI, 39 ff.