Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
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„Jungfrau hin, Jungfrau lier, geht doch und hängt euch an eure Jung-
frau."»)
Solchen Zeugenaussagen gegenüber wird auch der eifrigste Vertheidiger
des Tempelherren - Ordens nicht mehr zu behaupten im Stande sein,
derselbe habe auf dein Standpunkte kirchlicher Rechtgläubigkeit gestan-
den. Von hier aus gewinnt denn auch die als zweifellos erwiesene Verhöh-
nung des Kreuzes als die charakteristischste Aufnahme-Ceremonie erst ihre
volle Bedeutung. Was für gläubige Christen ein als sinnlich wahrnehm-
bare Darstellung der Gottheit selbst mit Ehrfurcht betrachtetes, heilig ge-
haltenes Symbol war, das konnte den Tempelherren von ihren häretischen
Glaubensmeinungen aus nichts sein als ein Stück Holz,1) das zu bespeien,
mit Füssen zu treten und sonst zu verhöhnen nicht nur nicht unrecht er-
schien, sondern als eine Bethätigung besonderer LJeberzeugungstreue gelten
durfte: man verlachte in diesen eingeweihten Kreisen die wahngläubige
Menge, welche iu diesem Bilde Gott erblickte, den man dein Menschen
völlig unzugänglich in dem fernen Himmel wusste. Die ein paar Mal
vorkommende Angabe, die Kreuzverhöhnung habe nichts sein sollen,
als eine Probe des unbedingten Gehorsams der neuen Ordeusglieder und
ihrer Statthaftigkeit für den Fall, dass sie einmal in die Gewalt der Mo-
hamedaner fallen und dort zur Abschwörung ihres Glaubens aufgefordert
werden sollten,3) erweist; sich um so mehr als leere Ausrede, als die
Rücksicht auf die mögliche Gefangenschaft in den Händen der Saraceneu
seit dem Verluste des Heiligen I^andes doch gar keiuen Sinn mehr hatte,
die Ceremonie der Kreuzverhöhnung bei der Aufnahme iu den Orden aber
in Uebung blieb. Gebraucht wurden solchu Ausreden entweder von den
Zeugen, um die gegen den Orden erhobenen Anklagen abzuschwächen,
oder schon von den aufnehmenden Ordensoberen solchen Neulingen gegen-
über, denen sie doch nicht recht trauen zu können meinten.
Was nun aber weiter die besondere Gestaltung der von den Tempel-
herren gepflegten dualistischen Lehrmeinung angeht, so geben uns die
Zeugenaussagen hinreichendes Material, um derselben unter den zahlreichen
1) Concil. Brit. II, 3Sti. Dio Worte lauten da: »Quo dame! Alez vous pendre
à votre dame."
2) Vgl. Michelet I, 213, wo dem Keeipienden eia Crucifix gezeigt wird —
„et petitum ab eo, si crederei, quod hoc esset deus, et cum ipse respondisset, quod
erat imago crucifixi, fuit ei dictum, quod non crederet hoc, iuirnu erat quod-
dam frustum ligni et dominus nostur erat in eel is."
3) S. oben S. 44.