Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
doch konnte nach dem Material, was die Zeilgenaussagen darüber ergeben
hatten, ein Zweifel in dieser Hinsicht durchaus nicht mehr bestehen.
Wie alle Häretiker jener Zeit, ja wie eigentlich di« christlichen
Häretiker überhaupt, — wie in den ersten Jahrhunderten der christlichen
Kirche die Gnostiker, wie im neunten Jahrhundert die Paulicianer
und im eilften die Katharer, — waren auch die Anhänger der tem-
plerischen Geheimlehre ausgesprochene Dualisten. Sie erkannten
an und verehrten einen oberen Gott, in dem sie zugleich den Schöpfer
des Geistes und des Guten sahen, und daneben einen unteren Gott,
von dem sie die Materie und das Ii ose herleiteten. Das ist zwar nir-
gends gerade in dieser Fassung positiv ausgesprochen, ergiebt sich aber
mit Bestimmtheit aus vielfachen Andeutungen und zahlreichen Aussagen
und ist ausserdem diejenige Voraussetzung, von der aus allein die absonder-
lichen templerischen Ceremonien verständlich und mit einem bestimmten,
ähnlichen Förmlichkeiten auch sonst innewohnenden Sinne ausgestattet
erscheinen.
Zunächst nämlich mussteu die Tempelherren als Dualisten
consequenter Weise die Gottheit Christi entschieden leugnen. Dass
diese Leugnung der Gottheit Christi eine von den Bedingungen war, welche
der neu in den Orden Aufgenommene ausdrücklich zu erfüllen hatte,
ist durch eine Menge der bestimmtesten Aussagen zweifellos erwiesen.
Nur einige besonders charakteristische führen wir hier an. Bertránd
de Moutigniac wurde von dem ihn aufnehmenden Praeceptor desTempler-
hauses zu Soissons, Jean de Sarnage, ein Crucifix gezeigt mit der Wei-
sung, nicht an den Gekreuzigten zu glauben, weil derselbe nichts sei,
nichts als ein falscher Prophet ohne jegliche Macht; er solle vielmehr nn
den oberen Gott des Himmels glauben, der allein ihn retten könnte.')
Die gleiche Warnung vor dem Glauben an den falschen Propheten
Jesus und die Mahnung zum Glauben an einen oberen Gott wurde
Foulques von Troyes bei seiner Aufnahme in den Orden von dem Re-
ceptor ertheUt.') Jean de Chounes bekam bei derselben Gelegenheit die
Lehre: „Glaube allein an den Gott des Himmels und nicht an diesen
1) Michelet II, 404: — osteudit sibi quandam cruccm, in qua erat ymago
Jhe.su Christi depicta, et dixit sibi, quod non crederei in eum, quia nihil
erat, et quod erat quidam falsus propheta et nihil vulebat; imo crcdorct in
deum Celi superiorem, qui poterat salvare.
2) Ebenda«. 384: — et tunc dixit sibi, quod non debebut credere in eum,
quia falsus propheta erat, et quod non crcderet nisi in deum superiorem.