Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
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bei den Geistlichen ihrer Genossenschaft zur Beichte zu gehen. Damit
hatte selbstverständlich nicht im Entferntesten gesagt sein sollen, dass die
Tempelherren nur bei den Klerikern ihres Ordens und nicht bei anderen
Geistlichen beichten und die Absolution nachsuchen sollten; t(tatsächlich
aber bat jene päpstliche Verleihung eben diesen Zustand herbeigeführt,
und es ist im Laufe der Zeit eine ganz feststehende Praxis geworden,
dass die Tempelherren nur bei ihrem Orden angehörigen Geist-
lichen zur Beichte gingen, es galt schliesslich als ein Ordens-
gesetz, dass man bei anderen Geistlichen nicht beichten durfte.')
Damit war, wie einleuchtet, jedes äussere Band zwischen dem Orden und
der Kirche zerrissen, war es auch jedem ausserhalb der geheimen Gemein-
schaft stehenden Geistlichen völlig unmöglich gemacht, eiuen auch nur
ungefähren Eiublick in das ketzerisch verkommene Innere des nach aussen
noch immer den strenggläubigen, treu ergebenen Sohn der Kirche spielen-
den Ordens zu thun. Der Orden bildete so. wie er militairisch und politisch
als ein in sich geschlossener Staat dastand, auch eine in sich geschlossene,
nach aussen scharf abgegrenzte kirchliche Genossenschaft, die jeden nicht
auf ihren Glauben feierlichst Verpflichteten unbedingt von sich fernhielt, eine
Kirche mit eigenem Dogma, eigenen Cultusformen und eigenem t
Priesterstande.
Wenn man nun meint, dass mit alledem doch eigentlich noch nicht
erklärt sei, wie die sicherlich zahlreichen Handschriften, welche die Geheim-
statuten enthielten, bei dem Processe dem Spürsinn der luquireuten —
namentlich der königlich französischen — haben entgeheu können, so rnuss
dem gegenüber nochmals auf ein schon früher berührtes Moment hin-
gewiesen werden: dass nämlich dem Orden die Einleitung der Unter-
suchung augenscheinlich durchaus nicht so gauz überraschend gekommen
ist, — denn der Gewaltstreich Philipps des Schönen erfolgte doch erst,
als der König sich überzeugt hatte, die päpstliche Curie würde höchstens
ein Scheiuverfahren einleiten und hätte es offenbar darauf abgesehen, jede
ernste Gefahr von ihrem Schützliug und Bundesgenossen abzuwenden. Ja,
der Orden hatte gegenüber der immer lauter gegeu ihn sich erhebenden
öffentlichen Meinung selbst auf Eiuleituug einer Untersuchung gedrungen:
wird er das gethan haben, ohne sich vorher iu einen Stand zu versetzen,
der ihn selbst einem hier und da ein bischeu tiefer eindringenden Ver-
fahren gegenüber als völlig makellos "und unantastbar erscheinen Hess?
1) So auch der 73. Anklagcartikel: Item quud iniungt-bunt eis, quoti non con-
iiterentur uliquibus nisi frntribus eiusdem ordini».
Trutz, Tenptihrrrcn. .1