Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
Dem gegenüber drängt sich einem nun unwillkürlich die Frage auf,
wie es möglich geworden ist, dass dieses Geheimstatut bei der docli ganz
ausserordentlich grossen Zahl der um dasselbe Wissenden so lange Jahr-
zehnte hat wirklich geheim bleiben können, obgleich doch die über den
TempelherrenrOrden im Munde des Volkes umlaufenden bösen Gerüchte
in Betreff der Ketzerei, von der sie sprachen, durchaus nicht so ganz auf
falscher Fährte waren, und wie es insbesondere hat geschehen können,
dass dasselbe auch bei der mit so grossem Apparate, und namentlich iu
Frankreich mit so rascher Energie geführten Untersuchung nirgends an
das Licht gezogen worden ist. Hat man doch daraus den Schluss zieheu
zu dürfen gemeint, die in den Zeugenaussagen enthaltenen Ilindeutungen
auf ein geheimes Ordensstatut dürften nicht so hoch angeschlagen werden
sondern seien auf irrige Vorstellungen, welche die so Aussagenden befangen
hielten, zurückzuführen und hüttcu nicht die geringste Beweiskraft für die
Existenz eines Geheimstatuts. Diesen Schluss halten wir für durchaus
unzutreffend, und es will uns scheinen, als ob das Verborgenbleiben
der Geheimstatuten nuf eine sehr einfache und natürliche Weise zu er-
klären sei.
Einmal nämlich ergiebt sich aus den Zeugenaussagen als zweifellos,
dass jeder Verrath des das Wesen des Ordens ausmachenden Geheimnisses
mit den schwersten Strafen bedroht war; auch fehlt es nicht an Beispielen
dafür, dass, wenn sich dennoch ein Ordensmitglied des Verrathes schuldig
machte, diese Strafen wirklich verhängt wurden; gerade an einige hierher
gehörige Vorfälle hatte sich der längst gegen den Orden rege Verdacht mit
besonderem Eifer geheftet. Ferner aber hatte die Kirche seit langer Zeit jede
eigentliche Verbindung mit dem Orden, jeden Einblick in die inneren
Zustände desselben und jeden EinfluhS auf ihn vollkommen eingebüsst, ja,
sie batte das Recht dazu eigentlich selbst freiwillig aus der Hand gegeben
durch die im Jahre 1162 von Papst Alexander III. zu Gunsten desTempel-
herren-Ordeus erlassene Bulle, ') welche den Rittern desselben erlnubte,
1) Gedruckt nach ltymer, Foedera I, 10, bei Wilcke I, 441 ff. — „ut liccat
vobis honestos clerico» et sacerdotes secundum Demit, quantum ud vestram con-
sci enti am, ordinatos, undccunque ad vos venientes suseipere et tant in principali
domo vestra quam etiara in obedientiis et locis sibi subditis vobisenm habere, dum-
modo, si e vicino sunt, eos a propri is episcopis expetatis iidemque nulli alii pro-
fessioni vel ordini teneantur obnoxii; quodsi episcopi eosdem vobis forte
concedere volueriut, nihilominus tarnen cos recipiendi et retinctidi
auctoritatc Sanctae Komanae ecclesiae licentiatn habeatis.*