Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
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Orden nach aussen hin seine Capitel, und besonders die zur Aufnahme
neuer Genossen gehaltenen, zu umgeben gewohnt war. Die Aussagen
sowohl der in den verschiedenen Processen verhörten Ordensritter, als auch
der sonst vernommenen Zeugen stimmen darin überein, dass zwar nicht
immer, aber doch gewöhnlich die Aufnahmecapitel in der Nacht oder
doch gegen Morgen, um Tagesanbruch gehalten zu werden pflegten. Wir
hören, dass man zur Wahrung des Geheimnisses die allerpeinlichsten
Vorsichtsmaassregeln ergriff: die nicht eingeweihten Einsassen der Ordens-
häuser wurden dann in die entfernteren Gehöfte verwiesen oder doch in
ganz seitab liegenden Räumen in sicheren Gewahrsam gebracht, Thore und
Thüren wurden peinlich verschlossen gehalten, und nicht selten stand auf
der Zinne des Hauses, in dem das Capitel gehalten wurde, ein Wächter,
um, die ganze Umgegend durchspähend, die Annäherung jedes Unberufenen
sofort zu melden. Solchen auffallenden Vorsichtsmaassregeln gegenüber
musste, wer aus der Ferne Zeuge derselben war, nothwendig auf den
Gedanken kommen, dass es da ein ganz besonders furchtbares Geheimnis»
zu behüten gelte. Die einmal erregte Phantasie aber, von Furcht und
Argwohn befruchtet, malte sich die Capitel der Tempelherren bald als die
Schauplätze der unmenschlichsten, widernatürlichsten Schandthaten aus
und gewann nun eine erwünschte Bestätigung dieser düstern Schreckbilder
noch von einer anderen Seite her. Man wollte nämlich wissen, dass die
Mitglieder des Tempelherren-Ordens durch die furchtbarsten Eidschwüre
zur Wahrung des schrecklichen Geheimnisses verpflichtet würden, welches
das eigentliche Wesen ihrer scheinbar streng kirchlichen Gemeinschaft
ausmachen sollte. Es hiess, dass diejenigen, welche sich bei der Aufnahmt!
oder sonst späterhin geweigert hätten, die bei den Zusammenkünften der
Ordensglieder üblichen anstössigen Ceremonien mitzumachen, in dem
Dunkel der unterirdischen Kerker der Niemandem zugänglichen Ordens-
burgen spurlos verschwunden,') oft gar auf der Stelle getödtet worden
seien,') und nicht minder schrecklich malte man sich daa Schicksal der-
jenigen aus, die, sei es mit, sei es ohne Grund, in Verdacht gekommen
waren, ihren auf Bewahrung des Geheimnisses geleisteten Eid irgendwie
1) Derartige Fülle werden in den Aussagen der verschiedenen Processe mehr-
fach erwuhnt, z. B. Michelet I, 426/27.
2) S. Concil. Brit. II, 38-1. Stephan v. Stapelhrugge sagt geradezu, die die
anatossine Cérémonie mitzumachen sich Weigernden interticiebantur in partibiis trans-
marinis; uns England sei ihm freilich kein Beispiel dafür bekannt.