Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
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Dieselben waren für das Volk zunächst erwiesen wohl durch einen —
freilich alle Zeit gefährlichen — RückSchlatt aus dem vielfach anstössigen
und Aergerniss gebenden Wandel der meisten Ordensritter. Ueber die in
den Kreisen der Templer herrechende Sittcnlosigkeit gingen im Munde des
Volkes damals böse Worte um. Der Stolz der Tempelherren war sprich-
wörtlich.1) Noch im fünfzehnten Jahrhundert hatte der Ausdruck „Templer-
haus" den allerübelsten Nebensinn.') Bibere templariter, „saufen wie ein
Templer1* war eine volksthümliche Wendung,') welche jedenfalls einen
Rückschluss erlaubt auf das. was die Tempelherren iu dieser Hinsicht zu
leisten im Stande waren. In England aber, so wird uns glaubwürdig
berichtet, riefen sich die Knaben auf der Strasse zu: „Hütet Euch vor den
Küssen der Templer14.1) Dasa der Tempelherren-Orden aber auch noch in
anderer Hinsicht von dem Verhalten, das ihm durch die Statuten vom
•fahre 1128 vorgeschrieben war, gewohnheitsmässig abwich, konnte bei
einiger Aufmerksamkeit auch dem ganz draussen stehenden Beobachter
nicht entgehen. Wenn man z. B. adlige Jünglinge heute noch ganz der
Welt und deren Treiben gehören und dieselben dann morgen sich als
Ritter des Tempelherren-Ordens im Schmucke des rothen Kreuzes brüsten
sah, So war damit doch die gewohnheitsmiissige Verletzung desjenigen
Statutenparagraphen thatsächlich erwiesen, nach welchem der Aufnahme
iu den Orden durch Ablegung des Ordeusgelübdes ein Noviziat voran-
zugehen hatte,1) für das mau ehemals meist eine einjährige Dauer fest-
gehalten hatte.6)
1) Orgueil de Templier: «. Crupclet, Proverbe» et dictons français aux 13e
et 14e siècles, 25—27; das Seitenstück dazu sali niun in dem bol.iui (vanité)
d'Ospitaliere.
2) Trithemius, Chron. Hirsau#. 109 ff. (s. Loiseleur 12).
3) Loiseleur a. u. O., der freilich aueb bemerkt, das* Buluzo den Sinn der
Phrase dabin zu mildern sucht, dass sie bedeuten solle «vivre dans l'aisance." —
Vgl. Crapclet a. a. O. 27.
4) Concil. Brit. II, 3C0: Der 24. Zeuge, frater Adam de Hcton, sagt au»:
»quod, dum erat iuvenis saecularis, omnes pueri clamaban! publice et vulgariter
unus ad alteram: Custodial!« vobis ab osculo Templarioram.
5) Der 44. Zeuge in dem englischen Process Concil. Brit. II, 346 bezeichnet
uls eine der zur Besserang des Ordens einzuführenden Reformen: quod lia béant
annum probationia et quod publice fiat receptio coram.
C) St atuta A rt. 58: (Qualiter milites saeculares recipiantur) lieisst c* zum Scbliiss:
...deinde vero terminus probationis in considcrationc et Providentia Magistri
secundum bonestatem vitae petenti* omninn pendeat — wonach allerdings der Hoch-
meister zweifellos berechtigt war, das Noviziat auch zu erlassen.