Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
aussprach, und die von ihr erhobenen Anklagen wenigstens hier und da
auch schon anfingen, eine bestimmtere, so zu sagen greifbarere Gestalt
anzunehmen. Man wird nicht umhin können, die römische Curie in dieser
Hinsicht geradezu einer Verletzimg der ihr obliegenden Pflichten zu be-
schuldiget! — eine Auflassung, die denn auch zur Zeit des Processe« vou
mehr als einer Seite nachdrücklich vertreten und geradezu geltend gemacht
worden ist, um das auch da noch zögernde, zur Verschleppung der Sache
guneigte und Ausflüchte suchende Papstthum endlich zu ernstlicherem
Vorgehen zu nöthigen. Diese Haltung der Curie, die freilich mit dem Ver-
fahren derselben gegen andere und viel unschuldigere Ketzereien in einem
befremdlichen Widerspruche steht, erklärt sich jedoch leicht aus einer
Erwägung der Gefahren, welche dieselbe für sich und für die Kirche über-
haupt aus einem Inquisitorialverfahren gegen den Tempelherren-Orden er-
wachsen zu sehen fürchten musste.
Einmal nämlich konnte — wie schon bemerkt — das Papstthum, in
seiner gesammten Stellung eben damals von mehreren Seiten zugleich
ernstlich bedroht, den mächtigen, seine Zweck«? vielfach nachdrücklich
fördernden Orden nicht gut entbehren: die finanzielle und die militärische
Macht des Ordens konnte dem Papstthum als sicherster Rückhalt gegen
die ihm entschieden entgegentretenden weltlichen Fürsten leicht von der
allerhöchsten Bedeutung werden. Iii jedem Kalle aber hatte die Curie,
wenn sie auch nicht mehr der positiven Hülfe der Tempelherren bedurfte,
das grösste Interesse daran, sich dieselben wenigstens nicht zu Feiudeu
zu machen und es auf einen kirchlich politischen Kampf mit einem über
so gewaltige Mittel verfügende.!! ehemaligen Bundesgenossen ankommen
zu lassen. Vor allem aber scheint die Curie noch durch eine andere,
sehr wichtige Rücksicht zu ihrer zuwartenden Haltung bestimmt worden
zu sein. Mit Recht nämlich scheute sie das gewaltige Aergerniss, ohne
welches eine Enthüllung des im Schoosse des Tempelherren-Ordens ver-
borgenen Geheimnisses und die Bestrafung der Schuldigen nicht abgehen
konnten, und das ohne allen Zweifel der damals ohnehin schon wankenden
Autorität der Kirche nur neuen, schweren Schaden zugefügt haben würde.
Bereits Innocenz III. hatte, wie wir sahen,') das Aergerniss, welches durch
die Duldung dämonischer Lehren in dem Orden der Kirche gegeben wurde,
nachdrücklich betont. Und noch Clemens V. sagt in der Bulle, in der
er die Einleitung der Untersuchung gegen deu Ordeu verfügt, *) und dann
1) S oben S. 16.
2) Wilckc II, 439 ff.