Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
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Bedenkt man nämlich, zu welch gewaltiger Höhe die christliche
Glaubensbegeisterung durch die Kreuzzüge, obgleich diese nicht aus ihr
hervorgegangen waren, emporgetrieben worden ist, wie dieselbe im ritter-
lichen Kampfe gegen die Mohamedaner zu bethätigen der eigentliche In-
halt und die höchste Blüthe des Daseins für unzählige Tausendu gewesen
war, so wird man sich nach der anderen Seite hin auch ein wenigstens
ungefähres Bild machen können von dein wirklich niederschmetternden
Eindrucke, welchen die schliessliche ungünstige Wendung des grossen
Glaubenskrieges, das klägliche Unterliegen der christlichen Kämpfer gerade
iu den Kreisen hervorbringen inusste, welche kirchlich besonders erregt
und daher äusserlich und innerlich bei der längst erwarteten, aber doch
durch keine Anstrengung mehr abzuwendenden Katastrophe besonders
nahe betheiligt waren. Der Ausgang des fast zwei Jahrhunderte hindurch
geführten Kampfes um den Besitz des Heiligen Landes konnte doch füg-
lich nicht anders aufgefasst werden denn als ein Unterliegen des Christen-
thums gegenüber dem stärkeren Islam. Aber mau nahm das nicht bloss
äusserlich. sondern innerlich: iu den Vertheidigern Palästinas schien das
Christenthum selbst den Mohamedanern erlegen zu sein, und von da aus
konnte dann leicht die Vorstellung entstehen, dass es sich hier um eine
Art von Gottesgericht gehandelt habe und dass mit dem Ausgange desselben
ein für alle Zeit maassgebendes Urtheil über den Werth und den historischeu
Beruf der beiden streitenden Religionen abgegeben worden sei. Dieser Auf-
fassung begegnen wir denn auch thatsächlich mehrfach und zwar — wie
leicht erklärlich — am schärfsten ausgesprochen gerade in den Kreisen
derjenigen, welche die Last des hoffnungslosen Kampfes gegen die Be-
kenner des Propheten am längsten und am ausdauerndsten, anfangs am
freudigsten und dann am aufopferndsten getragen hatten: gerade in diesen
sah man den Triumph des Islam, der auch durch die verzweifeltste Tapfer-
keit uicht mehr aufzuhalten gewesen war, au als einen Erweis dafür, dass
der Gott Mohameds allerdings stärker sei als der Gott der Christen! —
oder aber, mau meinte daraus die Erkenntniss gewonnen zu haben, dass
der Gott der Christen seine Bekenner den Ungläubigen preiszugeben be-
schlossen habe. ') Und gerade innerhalb des Tempelherren-Ordens scheint
nun dieser Eindruck der unheilvollen Wendung, welche der Kampf gegen
die Mohamedaner seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts nahm, ent-
schieden überwogen zu haben. Dafür besitzen wir ein unwiderlegliches
1) Vgl. hierzu im Allgemeinen die Auseinandersetzung bei Reuter, Geschieht«
der religiösen Aufklärung im Mittelalter II, S. 30 fl".