Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
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vornehmlich die Albigenser nach vielen Zehntausenden. Und nun hatte der
Tempelherron-Orden gerade in diesen herrlichen Landschaften de« südlichen
und mittleren Frankreich frühzeitig sehr ausgedehnte Ländereien erworben
und diesen Besitz dann im I¿aufe der Zeit planmässig und mit so glück-
lichem Erfolge vermehrt, dass in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahr-
hunderts dort das eigentliche Centruin seiner überhaupt ja vorzugsweise
auf Frankreich gegründeten, wahrhaft königlichen Macht lug. ') Es braucht
wohl nicht weiter ausgeführt zu werden, wie leicht die zahlreichen Tempel-
ritter, welche in den die Centren dieser Gütercomplexe bildenden Ordens-
häusern lebten, in Folge der dauernden, durch die verschiedensten Formen
des Verkehrs täglich gebotenen Berührungen mit einer durch und durch
häretischen Bevölkerung selbst von der rings um sie herrschenden Häresie
infícirt und allmälig ganz für die Lehren derselben gewonnen werden
konnten; ja man möchte behaupten, dass sich in diesem Vorgange nur
ein der Sachlage nach unvermeidlicher, ein psychologisch notwendiger
Process vollzog.
Fast unvermeidlich nämlich, weil psychologisch nothwendig, wurde
der Abfall der inmitten einer häretischen Bevölkerung lebenden Tempel-
herren der südfranzösischen Convente des Ordens von der kirchliehen
Orthodoxie zu den ketzerischen Lehrmeinungen ihrer gesammten Umgebung
dadurch, dass dieselben eine Disposition zur Häresie, eine besondere
Empfänglichkeit für die antikirchliche, antipäpstliche Denkweise, eine
Neiguiig, wohl gar eine Gewöhnung zu kühl ablehnender Gleichgültigkeit
oder zu zersetzendem, zerstörungslustigem Skepticisiuus dem kirchlichen
Dogma gegenüber bereits aus dem Orient mitgebracht hatten.
1) Eine ungefähre Vorstellung von «lein erstaunlich ausgedehnten und ertrag-
reichen Besitzstand des Ordens in Frankreich ergeben die Notizen bei Molden-
hauer und die vielen darauf bezüglichen Aussagen bei Michelet; dann Vaissette,
Hist, generale de Languedoc II, 480, 490—91; M or ice, Monuments pour servir à
l'histoire de Bretagne I, G38; Menard, Hist, de Nismes I, 212. Marvaux, Ilist.
du Bas Limousin (Paris 1842) I, 231. — Nach einer Notiz bei M fin ter 427 be-
findet sich im Vaticanischen Archiv ein Catalogue praeeeptoriorum et
commendarum ordinis militum Templi in regno Franciae, wonach in
dem damaligen eigentlichen Frankreich und der Normandie 85 Praeceptoreien oder
Balleien mit ihnen untergeordneten 283 Conventen existirten. — In der Provence,
wo 1136 das erste Templerhaus zu Villedin bei Pamiers gestiftet wurde, gab es
34 Ordenshäuser (Wilcke II, 19—20), toh denen die zu S. Gilles, Cahors, Toulouse,
Arles und Avignon die bedeutendsten waren. Die Vigueries von Aix, Forcalquier,
Apt, Tarrascon sind mit Ordensbesitzungen dicht bedeckt; vgl. Bouche, Essai sur
l'histoire de Provence (Marseille 1788) I, 34G ff. Aquitanien und Poitou waren
seit 1158 als Ordensprovinz unter einem Provinzialmeister organisirt.