Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
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losen Verfahrens, wie es Philipp der Schone von Frankreich, als er den
Augenblick für gekommen erachtete, angewandt: so lange man nicht die
Gesammtheit des Ordens, alle irgend bedeutenden Persönlichkeiten desselben
mit einem einzigen Schlage in seine Gewalt brachte, und so lange nicht
durch Vcrrath aus den Reihen der Ordensritter selbst die Punkte enthüllt
worden waren, an donen ein im grossen Styl gehaltenes inquisitorisches
Verfahren auf Ketzerei einzusetzen hatte — so lange musate bei der Macht
und dem Ansehen, bei dem weit reichenden Einfluss des Ordens und der
nicht minder weit reichenden Bereitschaft desselben zur äussersten Gegen-
wehr jeder Versuch zur Enthüllung des in demselben verborgenen Geheim-
nisses nicht nur inisslingen, sondern mit vernichtender Schwere auf den
Urheber selbst zurückfallen.
Obgleich uns also aus der Zeit vor dem Process bestimmte Angaben
über die Art der von dem Tempelherren-Orden gepflegten Ketzerei nicht
vorliegen, so fehlt es doch nicht ganz an Anhaltspunkten, um wenigstens
eine ungefähre Vorstellung von derselben zu gewinnen.
Einmal ist ja das dreizehnte Jahrhundert überhaupt recht eigentlich
das Jahrhundert der Häresien, welche, schon gegen das Ende des
zwölften Jahrhunderts auffallend vermehrt, in diesem in ganz erstaunlicher
Fülle, in fast unerschöpflicher Mannigfaltigkeit und in einer durch keine
Grenzen mehr eingeschlossenen räumlichen Verbreitung üppig wuchernd
emporschiessen: es ist, als ob in demselben Augenblicke, wo die strengste
Uniformität in der absolut monarchisch zugespitzten katholischen Kirche
triumphiren zu sollen schien, eine von innen heraus begonnene Zerreissung
und Zerpflückung der dogmatischen Grundlage der Kirche überhaupt den
Hoden der Existenz plötzlich unter den Füssen wegziuheu sollte. Die in
sich wieder so mannigfach vanirteli Katharersecten, die Gemeinden der
Waldenser, der Albigenser, die Secten der Armen von Lyon und der
Amalricianer, in einem verhältnissmässig kleinen Raum nebeu einander
lebend, Hessen es fast fraglich erscheinen, ob man denselben noch als der
römisch-katholischen Kirchengenieiuschaft zuzuzählen bezeichnen konnte.
Und eine ununterbrochene Stufenfolge leitete von diesen Häretikergenossen-
schaften — die doch noch im Wesentlichen auf dem Boden des christlichen
Bekenntnisses 6tandun — hinüber zu den thracischen Bogoinilen und den
den ärgsten Verirrungen verfallenen Luciferianen. Nirgends aber stand
die Häresie so üppig in Blüthe, wie im südlichen Frankreich: dort
zählten die „Thnlleute", die Waldenser,') dann die Armen von Lyon und
1) S. Hahn, Geschichte der Ketzer im Mittelalter II, 59 ff.