Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
Wenn so Kniser und Papst in der Verurtheilung des Tempelherren-
Ordens in seiner damaligen Verfassung einstimmig waren, so erklärt sich
andererseits die Unterlassung des doch eigentlich dringend gebotenen
Einschreitens gegen denselben allerdings zur Genüge aus dein leidenschaft-
lichen Kampfe, der bald danach zwischen Kaiserthum und Papstthum ent-
brannte und für welchen die römische Curie eiues so eifrigen und mäch-
tigen Bundesgenossen sich nicht selbst berauben mochte, wie sie ihn in dem
zwar entarteten, aber dem Kaiser unversöhnlich verfeindeten Orden au
ihrer Seite sah. Als aber das Papstthum über das stauüsche Kaiserthum
triumphirt, die Kirche die Rechte des Staates in den Staub getreten hatte —
ein Erfolg, der auch dem einem starken, monarchisch geordneten Staate durch-
aus feindlichen Tempelherren-Orden erst recht den Hoden für die Er-
reichung seiner letzten, nun nicht mehr im Osten, sondern im Abcndluude
zu verfolgenden Ziele geebnet hatte — als die römische Curie der ritter-
lichen Genossenschaft, welche sie ohne Rücksicht auf den nur zu be-
gründeten üblen Ruf derselben bisher für sich hatte kämpfen lassen,') nicht
mehr bedurfte, da werden auch von dieser Seite die alten Klagen und An-
schuldigungen von neuem vorgebracht, ja dieselben werden bald für
gewichtig genug erachtet, um ihretwegen den Orden, wenn nicht geradezu
aufzuheben, doch einer seine bisherige Bedeutung und Stellung ver-
nichtenden Reformation zu unterziehen. Im Jahre P26'i lüsst Papst
Clemens IV. den Tempelherren-Orden geradezu vor einer möglicherweis«!
einzuleitenden Untersuchung warnen, welche sicherlich nicht gut ausfallen
würde; und auf dem Salzburger Concil vom Jahre 1272 sollte unter
Anderem auch eine Reformation des Tempelherren- und des Johanniter-
Ordens*) beratheu werden, die mau zu einem neuen Orden zu verschmelzen
gedachte, der dann unter Oberleitung des Papstes seine Kraft ganz und
ausschliesslich dem Kampfe für die Erhaltung und Wiedergewinnung des
damals schon so gut wie ganz verlorenen Heiligen Landes widmen sollte.1)
1) Noch 1255 und 1256 tritt I'. Alexander V. auf das entschiedenste für Ue»
Orden ein. Rymer, Focdera II, 576—77. (S. uueh Pupuy, Hin. de l'ordre
militaire des Templiers [Brüssel 1751] p. 165/66.)
2) Auch gegen diesen hatte bereits 1238 Gregor IX. den Verdacht der Ketzerei
ausgesprochen. Iiavitald Ann. cccles. a. 1238 u. 32; bekannt sind die gleichartigen
Beschuldigungen, die 1307 gegen den Deutschet! Orden erhoben wurden. Voigt,
Gesch. Preussens IV, 244 ff.
3) Vgl. das Gutachten Jacobs v. Molay vom Jahre 1306 über diesen Plan und
die Wiederaufnahme desselben in seinerzeit bei Baluze, Vita«* pontilicum Avenion.
II, 180 (und danach auch bei Dupuy, Histoire de l'ordre niilituire des Templiers
depuis son établissement jusqu'à sa décadence et sa suppression. (Nouvelle édition
Bruxelles 1751.)