Titel:
Geheimlehre und Geheimstatuten des Tempelherren-Ordens
Beteiligte Personen:
Prutz, Hans Wikipedia
I.
Nach der ehemals allgemein herrschenden Vorstellung, welche auch
durch die ganz andere Resultate ergebenden wissenschaftlichen Forschungen
der neueren Zeit noch durchaus nicht ganz um ihre von kirchlichen Auto-
ritäten gestützte Herrschaft gebracht worden ist, sollen die Kreuzzüge aus
einem unwiderstehlichen Aufschwung der reinsten Glaubensbegeisterung
entsprungen sein; wie wenig diese Anschauung mit der ganz anders gearteten
prosaischen Wirklichkeit zusammentrifft, braucht hier nicht näher nach-
gewiesen zu werden: hier kommt es vielmehr nur darauf an, festzuhalten, dass
die Kreuzzüge — im schneidendsten Widerspruch mit ihrem angeblichen
Ursprung — thatsüchlich in ihren schliesslichen Wirkungen
dem mittelalterlichen Katholicismus den Todesstoss gegeben,
die Katastrophe, die mit dem fünfzehnten .Jahrhundert über denselben
hereinzubrechen auf äugt, wesentlich mit heraufbeschworen haben. Die
Kreuzzüge haben durch den Ausgang, den sie schliesslich genommen, zu
religiösem Iudifferentismus und zu Freidenkerei geführt,') welche dem
Papstthum in eben dem Moment, wo es äusserlich seinen höchsten Macht-
stand erreicht hatte, Millionen von Gemüthern vollkommen entfremdeten.
Am frühesten und am stärksten ist dies sehr bezeichnender Weise der
Fall gewesen in dem heiligen Lande selbst, welches eben erst nach ge-
waltigen Kämpfen durch die Ileerschaaren aller christlichen Nationen zum
gemeinsamen Besitze der Christenheit erobert worden war. Denn wie
moralisch und wirtschaftlich, so entwickelten sich auch in Bezug auf das
religiöse Leben die in Palästina angesiedelten Franken und die von ihnen
und der einheimischen svro-arabischnn Bevölkerung stammenden Pullanen
.-cimeli zu einer arg verkommeneu Mischbevölkeruug, welche ohne jeden
1) Vgl. numcntlich Heu ter, Geschichte der religiösen Aufklärung im Mittel-
alter II, S. 24.